Auf der dunklen Seite

2. Oktober 2002, 18:37
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In London starb mit Tim Rose einer der letzten großen Überlebenden der US- Songwriter-Szene der 60er-Jahre

In London ist einer der letzten großen Überlebenden der US- Songwriter-Szene der 60er-Jahre gestorben: Tim Rose, der einst Jimi Hendrix mit "Hey Joe" die Weltkarriere ermöglichte.


London - Schon 1972 war der Mann wegen seiner glücklosen Karriere so verbittert, dass er in einem legendären Interview mit dem Rolling Stone mit folgender Bemerkung den Grundstein für alle weiteren verbitterten Interviews von Künstlern legen sollte, die irgendwann von der Siegerstraße abbiegen mussten: "I'm a fucking legend, man, and legends are a pain in the ass!"

Weil aber große Künstler keine guten Menschen sein müssen (Stichwort: Lou Reed), verdankt die Welt dem sozial wie beruflich immer als offenes Messer durchs Leben gegangenen Tim Rose eines der zentralen Werke der dunklen Seite des Songwriting. Sein Debüt Morning Dew aus 1967 zählt zu den wichtigsten Alben der 60er-Jahre.

Parallel zu zwei anderen berühmten Tims der Musikgeschichte, Tim Buckley und Tim Hardin, startete Rose Mitte der 60er-Jahre in New Yorks Greenwich-Village-Folkszene. Nachdem er aus dem Priesterseminar geschmissen worden war, gründete der 1940 in Washington DC geborene Rose mit Cass Elliott, die später als "Mama Cass" mit den Mamas & Papas berühmt werden sollte, die erfolgreiche Folkband The Big Three.

Solo hatte er dann aber wegen seiner, wie soll man sagen, etwas brutal wirkenden Maskulinität inklusive einer rauen und bockenden Gesangsstimme und zu viel Rock im Folk lange Zeit Probleme, einen Vertrag zu bekommen.

Mit seiner bald darauf Jimi Hendrix als Vorlage dienenden Adaption des Traditionals Hey Joe und den düsteren Kriegs- und Endzeitstudien Morning Dew und Come Away, Melinda schuf Rose allerdings hier Klassiker der misogynen Balladenkultur, wie sie heute nur noch Nick Cave als gelehriger Schüler zu schreiben vermag.

Nachdem Rose unter anderem wegen des ungleich größeren Erfolgs von Jimi Hendrix' Hey Joe verbittert nach London umgezogen war, wo er sich besser verstanden wähnte, lehnte er nach dem Tod von Brian Jones gleich einmal selbstbewusst ein Angebot der Rolling Stones ab, diesen zu ersetzen. Es folgten bis 1977 vom Publikum nur mit Vorsicht angenommene Alben wie Love - A Kind Of Hate Story oder The Gambler und Songs wie der heutige Rockklassiker Boogie Boogie.

Beinahe 20 Jahre lang musste sich Rose dann unter anderem als Bauarbeiter durchschlagen. Erst 1997 folgte mit Haunted dank der Hilfe von Nick Cave ein kleineres und 2002 ein größeres Comeback mit American Son. Darauf zu hören: gallige, aber unvermindert wuchtige Weltabsagen wie der beklemmend-autobiografische Song Where Did The Good Times Go?.

Wie jetzt bekannt wurde, ist Tim Rose am 24. September nach einer Darmkrebsoperation an inneren Blutungen gestorben. Er hinterlässt keine Familie: "I got a loneliness." (DER STANDARD, Printausgabe, 3.10.2002)

Von
Christian Schachinger
  • Tim Rose: Love - A Kind Of Hate Story(Rpm/Cherry Red)
    foto: rpm/cherry red

    Tim Rose:
    Love - A Kind Of Hate Story
    (Rpm/Cherry Red)

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