Wie ein Vogel ohne Aufwind

27. September 2002, 19:25
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Der Beginn von Margaret Mazzantinis neuem Buch "Geh nicht fort"

Du hast das Stoppschild nicht beachtet. In der Eile bist du einfach weitergefahren, in deiner Jacke aus Webpelz, die Stöpsel des Walkman in die Ohren gepresst. Bis vor kurzem hat es geregnet, und gleich wird es wieder losgehen. Über den letzten Platanenblättern, über den Antennen war der aschfahle Himmel voller Stare; mit ihrem Gefieder und mit ihrem Krächzen erfüllten sie die Luft, flogen als wogende schwarze Flecken aufeinander zu, ohne sich zu berühren, stoben wieder auseinander, bevor sie sich erneut zu einer Formation zusammenfanden. Unten auf der Straße hielten sich die Passanten eine Zeitung oder nur die Hände über den Kopf, um sich vor dem niederhagelnden Vogelmist zu schützen, der sich auf dem Asphalt mit dem aufgeweichten Laub vermengte und einen beklemmend süßlichen Duft verströmte, dem jeder möglichst schnell zu entkommen suchte.

Wie im Flug kamst du die Allee herauf und fuhrst auf die Kreuzung zu. Fast hattest du es geschafft, fast hatte der Mann im Auto es geschafft, dir auszuweichen. Aber der Boden war glitschig vom Mist der sich sammelnden Vögel. Auf dem schmierigen Belag kam der Wagen ins Rutschen, wenig nur, aber doch genug, um deinen Motorroller zu streifen. Du wurdest hochgeschleudert zu den Staren und fielst dann hinunter in ihren Kot, und mit dir dein Rucksack mit den Aufklebern. Zwei deiner Hefte landeten im Rinnstein in einer schwarzen Pfütze. Der Sturzhelm ditschte über die Straße wie ein ausgehöhlter Schädel, du hattest ihn nicht festgeschnallt. Augenblicklich näherten sich die Schritte eines Passanten. Deine Augen waren offen, der Mund blutverschmiert, es fehlten die Schneidezähne. Auf den Wangen waren lauter schwarze Punkte wie bei einem schlecht rasierten Mann: Teerkörner waren in die Haut gedrungen. Die Musik unterbrochen, die Stöpsel des Walkman waren in die Haare gerutscht. Der Autofahrer riss die Wagentür auf und ging auf dich zu; als er die klaffende Stirnwunde sah, kramte er in seinen Taschen nach dem Handy, doch als er es endlich gefunden hatte, fiel es ihm aus der Hand. Ein junger Mann hob es auf, und er hat dann den Krankenwagen gerufen. Inzwischen war der Verkehr zum Erliegen gekommen. Das Auto stand quer auf den Schienen, und die Straßenbahn konnte nicht vorbei. Der Fahrer war ausgestiegen, viele stiegen aus und gingen auf dich zu. Leute, die du noch nie gesehen hattest, streiften dich mit ihren Blicken. Ein leises Stöhnen kam über deine Lippen, zusammen mit einem rötlichen Schaumklümpchen, als du das Bewusstsein verlorst. Es war viel Verkehr, der Krankenwagen ließ auf sich warten. Doch nun hattest du es nicht mehr eilig. Du lagst still da in deiner Webpelzjacke, wie ein Vogel ohne Aufwind.

Dann haben sie es doch geschafft, sich mit heulenden Sirenen einen Weg durch den Verkehr zu bahnen. Die Autos fuhren zur Seite, dicht an die Leitplanken, oder sie wichen auf die Bürgersteige am Flussufer aus, während die Infusionsflasche über deinem Kopf hin und her tanzte und eine Hand den blauen Ball drückte und wieder losließ, aus und ein, um dir Luft in die Lungen zu pumpen. In der Notaufnahme drückte die diensthabende Ärztin mit dem Finger auf den Schmerzpunkt zwischen Kiefer und Zungenbein. Dein Körper reagierte nur schwach. Sie nahm Verbandsstoff und wischte das Blut ab, das von deiner Stirn lief. Sie schaute in die Pupillen, sie waren starr und unterschiedlich groß. Der Atem war verlangsamt. Mit einem Guedeltubus brachte sie die Zunge, die nach hinten gerutscht war, in die richtige Position. Dann wurde die Absaugsonde eingeführt. Blut, Teer, Schleim wurden abgesaugt, dazu ein Zahn. Sie brachten den Fingerclip an, um die Sauerstoffanreicherung im Blut zu messen, der Sauerstoffgehalt des Hämoglobins war zu niedrig: fünfundachtzig Prozent. Also haben sie intubiert. Der Stab des Laryngoskops mit seinem eisigen Licht glitt in deinen Mund. Ein Pfleger kam mit dem Überwachungsmonitor für EKG und Kreislauf herein, er steckte den Stecker in die Steckdose, doch das Gerät funktionierte nicht. Er klopfte dagegen, ein leichter Schlag auf die Seite, und der Monitor leuchtete auf. Sie schoben dein T-Shirt hoch, befestigten die Saugnäpfe der Elektroden auf der Brust. Du musstest ein wenig warten, denn der CT-Raum war nicht frei, dann haben sie dich in die Röntgenröhre geschoben. Das Trauma saß im Schläfenlappen. Die Ärztin hinter der Scheibe bat den Radiologen um mehr Schichten. Tiefe und Ausdehnung des Hämatoms waren zu sehen. Der Contrecoup, wenn es einen gab, war noch nicht sichtbar. Trotzdem verzichteten sie darauf, ein Kontrastmittel zu spritzen, weil sie Komplikationen in der Niere fürchteten. Sie riefen sofort im dritten Stock an, damit der Operationssaal vorbereitet wurde. Die Ärztin fragte: "Wer hat in der Neurochirurgie Dienst?"

(DER STANDARD, Printausgabe, 28.09.2002)

Das Buch ist soeben in der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen, EURO 23,60/
320 Seiten. Eine weitere Passage aus dem Vorabdruck finden Sie, neben vielen anderen literarischen Hinweisen, unter Lyrikwelt.de
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