Weltschmerz auf höchstem Niveau

27. September 2002, 18:48
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Bryan Ferry gastierte im Wiener Museumsquartier mit einer stilsicheren Werkschau

Wien - Zuerst zum zynischen Teil: Im Mai eröffnete Bryan Ferry für eine Hand voll Dollar die Wiener Festwochen, wofür sich nun die Politik mit der Verleihung des Goldenen Wiener Rathausmannes bedankte. Dies rührte den gerade auch noch seinen 57. Geburtstag feiernden Künstler so, dass er der Wiener Stadt versprach, auch weiterhin jährlich hier Konzerte geben zu wollen, solange die Gage stimme.

Vom Sinn und Unsinn der vor allem sich selbst gern feiernden Kulturpolitik zur tiefen Rührung: Wenn Bryan Ferry als alternder Beau mit der Hand voll Haargel extra im Haupthaar am Klavier sitzt und mit Harfenbegleitung mit kippender Stimme davon singt, dass er heute betrunken und überhaupt selten nüchtern sei und als hübsch anzusehender Vagabund von Stadt zu Stadt ziehe, geht immer auch eine Träne auf Reisen.

Vor allem am Ende, wenn sich dieser Kunstrausch mit "Come all you young men and lay me down!" Richtung Friedhof vertschüsst, entscheidet sich Grundsätzliches: Wer bei Ferrys Adaption des irischen Volksliedes Carrickfergus keine Träne vergießt, ist kein guter Mensch.

So einfach ist das. Und weil Popmusik nach apodiktischen Urteilen geradezu schreit: Selbstverständlich gab sich Ferry gegen Ende seines umjubelten Auftritts im für Konzerte definitiv nicht gebauten Museumsquartier dafür her, seinen alten Roxy-Music-Hadern Love Is The Drug als dekadentes und farblich schon etwas abblätterndes Lustschlössl auf die Bühne zu wuchten.

Selbstverständlich wurde Jealous Guy sensibel für die Damen gepfiffen und Let's Stick Together zünftig für die Herren gerockt. Mit Slave To Love stellte Ferry aber auch unter Beweis, dass er von Mitte der 80er- bis Ende der 90er-Jahre eine längere Schaffenskrise hatte, in der er vorwiegend Beschallungen für Schöner-Wohnen-Kataloge produzierte. Und auch die Songs seines neuen Albums Frantic verblassen gegenüber alten Klassikern wie Smoke Gets In Your Eyes oder Falling In Love Again doch sehr. Ansonsten wie gesagt Rührung. Und ein wenig Langeweile.

(Christian Schachinger/DER STANDARD, Printausgabe, 28.09.2002)

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