"Es ist egal, was du fährst!"

29. September 2002, 22:34
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Ein bejubeltes Solokonzert des "Ärzte"-Sänger und Gitarrist Farin Urlaub in der Wiener Arena

Anmerkungen zu einem Teenageridol, wie es sein soll.

Claus Philipp

Wien - Ein Missverhältnis, das vielleicht vor allem den Eltern deutschsprachiger Teenager auffallen dürfte: Warum dröhnt bei jeder Party - und eigentlich immer - Musik von den Ärzten durch die Wohnung? Und warum spricht derweil die ganze Welt - oder was sich dafür hält - über die Trauer Herbert Grönemeyers oder darüber, dass es seit Rio Reisers Tod keine guten deutschen Songtexte mehr gibt?

Vielleicht liegt das daran, dass "die ganze Welt" sehr erwachsen ist. Andererseits ist "die ganze Welt" nicht so groß, dass nicht doch noch genug Platz für jugendliche Leidenschaften wäre. Und auf den konzentrieren sich Die Ärzte.

Anstatt Bedenkenswertes im Feuilleton vorzutragen, füllen Sie mit Bedenklichem die Open-Air-Festivalwiesen bei dreieinhalbstündigen Marathonkonzerten (weil: Gesamtwerk zum Mitsingen muss sein!). Oder sie publizieren Alben mit Titeln wie Runter mit den Spendierhosen, Unsichtbarer! - zügigen Fun-Punk, mit Texten, die durchaus denen der Comedian Harmonists Konkurrenz machen könnten, aber das fällt denen, die über Grönemeyer nachdenken, eher nicht auf.

Praktisch abseits der so genannten Öffentlichkeit ging denn auch am Donnerstag in der Wiener Arena ein Konzert des Ärzte-Sängers, Songwriters und Gitarristen Farin Urlaub über die Bühne. Natürlich war es ausverkauft - obwohl Urlaub schon im Vorfeld auf Fanpages ankündigte, keine Ärzte-Songs spielen zu wollen, sondern ausschließlich Lieder aus seinem im Vorjahr erschienenen ersten Soloalbum Endlich Urlaub.

Jetzt endlich Solokonzert also. Wobei "Solokonzert" der völlig falsche Ausdruck ist. Anders als bei den Herrentrioabenden der Ärzte leistet sich Urlaub bei der in Wien gestarteten Deutschlandtournee ein so genanntes Racing Team: Vier Damen an Schlagzeug, Bass und als Gesangsverstärkung, dazu ein Bläserquartett - das sorgte auf der kleinen Arena-Bühne für beträchtliche Beengung, erhöhte aber die Dynamik.

"Es ist egal, was du fährst,/ solang du nur klärst/ es hat ein Rücklicht!" Frei von den ironischen Superstarposen, die bei den Ärzte-Auftritten oft zu länglichen Zwischenmoderationen führen, feuerte Urlaubs Racing Team zügig ein Miniaturjuwel nach dem anderen ab - die beliebten Hass-Liebeslieder (Phänomenal egal), die noch beliebteren Selbst-Diffamierungen ("Manche nennen das Musik!"), und die allerbeliebtesten Ermunterungen zum Defekt: "Du bist nicht zu dick,/ nein,/ die andern sind zu dünn."

Zack, zack!

A-Seiten, B-Seiten, neue Lieder, zack, zack: So, als hätte man (noch) ein wenig Angst, dass sich Farin solo für das (nichtsdestotrotz zunehmend enthemmte) Publikum noch nicht ganz ausgeht. Es ging sich aber super aus: nicht nur für die junge Fangemeinde, sondern auch für ältere Damen und Herren, die im Übrigen finden, dass die heutige Jugend mehr Musikberater wie Farin brauchen kann. Ärzte-Fans kommen etwa um den Kauf von Ramones-CDs nicht herum, einfach weil Farin und Co permanent von Punk-Klassikern schwärmen.

Auch Urlaubs jüngster Hit Sumisu dürfte neue Horizonte erschließen: "Und immer, wenn wir traurig war'n/ (und traurig war'n wir ziemlich oft)/ nahm ich dich in meine Arme/ und dann hörten wir die Smiths." Genau, dachten hinten im Saal die Alten. Wie bitte?, fragten sich vorn die Kids, ab in den nächsten Plattenladen! "Manchmal auch The Cure oder New Order -/ aber größtenteils die Smiths . . ."

Gut möglich, dass Farin Urlaub so irgendwann einmal selbst zum "Klassiker" wird und in die deutsche Hochkultur Einzug halten darf. Man weiß aber nicht, ob man ihm das wirklich wünschen soll. Ihm ist's offenkundig egal. (DER STANDARD,Printausgabe vom 28.9.2002)

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