Als das Beschreiben noch geholfen hat

27. September 2002, 18:56
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Mit Émile Zola starb vor hundert Jahren das Projekt der literarischen Einmischung

Paris - Als der naturalistische Romancier Émile Zola am 13. Jänner 1898 einen offenen Brief an den Präsidenten der französischen Republik mit den berühmten Worten "J'accuse . . .!" in himmelhoch flammenden Lettern überschreibt, ist ein Höhepunkt erreicht: Nie mehr wieder wird die Literatur für sich in Anspruch nehmen können, die modernen Gesellschaften, denen sie entspringt und von deren Makeln sie zehrt, zu beeinflussen und zu erziehen.

Zola, der letzte Sozialwissenschafter unter den großen Romanschriftstellern des 19. Jahrhunderts, wird in den Grabstätten der Dünndruckausgaben allmählich verschwinden. Der späte, nachgeborene Leser wird nicht ohne stille Ergriffenheit seiner gedenken: Ein kleiner, korpulenter Mann, geboren 1840, dessen ursprünglich aus Venedig stammender Vater nach Stationen in Österreich als Ingenieur im südfranzösischen Aix-en-Provence einen Kanal baut, bei dessen Ausschachtung er tödlich erkrankt.

Émile, der von der Mutter verzärtelte Halbwaise, wird sich im Paris des Louis Napoléon, wohin er voller Hoffnungen auswandert, als Zollbeamter herumschlagen, ehe er mit Fortsetzungsromanen die Gazetten im Sturm erobert: wüsten Kolportageromanen im Gossenmilieu, die von sexueller "Ausschweifung" und Trunksucht handeln und doch etwas anderes meinen: die dokumentarische, möglichst lückenlose Verzeichnung des gesamten Menschenelends. Vor Augen und vor der Nase hat Zola im trüben Licht der Pariser Gaslaternen die schwankenden Gestalten des "Vierten Standes": Menschen, die von den Maschinen des Industriezeitalters, die sie mit ihrer Hände Kraft beheizen, verschlungen und als Wracks wieder ausgespien werden.

Zola, dem vor dem radikalen Sozialismus erstaunlicherweise graute, steuerte für diese Verlierer sozusagen die Gründungsakte bei: den riesenhaften Romanzyklus Rougon-Macquart; denn von der Gosse gelangte der Rechercheur in die Schreibstuben, von dort in die Betten der Kurtisanen, von diesen wiederum in die Börse, von da in die Salons der Neureichen, um schließlich in den Tuilerien Napoleons III. zu landen.

Der Imperator mit dem Zwirbelbart verschwand 1870/71. Paris, die "Hauptstadt des 19. Jahrhunderts", sollte bleiben, was sie noch in Walter Benjamins Passagen-Werk, bereits in Sichtkontakt zum Faschismus, war: die Zentrale einer Versuchsanordnung, in welcher zwar die Grundlagen aller Modernität geschaffen werden, aber auch die Betriebsanleitung zur Barbarei. Émile Zola, der am Sonntag vor hundert Jahren starb, war der Homer des Second Empire. Ein Epiker, und doch niemals blind. (Ronald Pohl/DER STANDARD, Printausgabe, 28.09.2002)

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