Hilfe aus dem Internet

27. September 2002, 19:30
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Jugendliche lassen sich bei Problemen zunehmend online beraten

Wien - "Ich bin schwanger - was jetzt?" oder "Ich kiffe manchmal, bin ich jetzt drogensüchtig?" Solche Fragen bewegen Jugendliche seit jeher. Doch zunehmend suchen sie Antworten und Rat bei Problemen nicht mehr bei ihren Eltern oder Beratungsstellen, sondern im Internet. Grund genug für Jugendarbeiter aus dem deutschsprachigen Raum, auf der von vier Wiener Organisationen veranstalteten Fachtagung F1 (Tastaturkürzel für das Hilfemenü) über Chancen und Grenzen von Beratungsangeboten auf Basis von E-Mails, Internetforen und Chats zu diskutieren.

Die Hemmschwelle für Jugendliche, sich an Onlineangebote zu wenden, sei wesent-lich niedriger, als in eine Beratungsstelle zu gehen, schilderte die Psychologin Belinda Mikosz vom Amt für Jugend und Familie des Wiener Magistrats ihre Erfahrung aus der persönlichen Beratung per E-Mail unter www.talkbox.at.

Vorteil Anonymität

Als weiteren Vorteil würden Jugendliche die Anonymität der Netzkommunikation sehen. "Meist starten sie einen ersten als Informationsanfrage getarnten Versuch, aber schon in der zweiten oder dritten E-Mail stellt sich eine große Offenheit ein." Dabei trauten sich Jugendliche auch als peinlich empfundene Fragen zu stellen oder heikle Themen wie Drogen, Essstörungen oder sexuellen Missbrauch anzusprechen. "Sie merken sehr schnell, dass sie ernst genommen werden und auch rasch eine Antwort bekommen", erklärte Mikosz die steigende Nachfrage.

Diese Vorteile treffen auch auf andere Hilfsangebote zu: So können Jugendliche per Chat direkt mit einem Berater sprechen oder in moderierten Foren auch mit Gleichaltrigen diskutieren. Ein Blick auf diese Seiten beweist, dass das Angebot angenommen wird. So fragt eine Zwanzigjährige, die das Gefühl hat, in ihrem Leben nichts geschafft zu haben, in einem Forum auf der Wiener Jugendplattform www.wienxtra.at: "Bin ich ein Verlierer?" 14 Antworten muntern sie auf; zeigen, dass sie mit ihrem Problem nicht alleine ist.

Zielgruppen erreichen

Sozialpädagoge Ralf Wischnewski hat bei seiner Präventionsarbeit für die Drogenhilfe Köln zudem festgestellt, dass er im Netz Zielgruppen erreichen kann, die um jede Beratungsstelle einen Bogen machen würden: "Wir haben auf den Seiten von Partypack einen Kalender mit allen Technoveranstaltungen rund um Köln. Da schauen Leute aus der Szene vorbei, die vielleicht auch Partydrogen konsumieren - und finden nebenbei Aufklärung zu Ecstasy und anderen Substanzen." 10.000 E-Mail-Anfragen im Monat sprechen für den Erfolg des Konzepts.

Einig war man sich aber auf der Tagung, dass Onlineberatung wegen des beschränkten Zugangs zu den Jugendlichen eine eventuell notwendige Therapie, etwa bei Selbstmordgefahr oder Drogensucht, nicht ersetzen kann. (Paul-Anton Krüger/DER STANDARD, Printausgabe, 28.9.2002)

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