Zorn in Gaza schaukelt sich hoch

27. September 2002, 18:52
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"Liquidation" verfehlte ihr Ziel - Hamas erneuert Racheschwüre - Zweiter Jahrestag der Intifada

Die Klangwolke der zornigen Predigten der Sheikhs hat sich am Freitag für Stunden über Gaza gelegt. Sie beklagten die Opfer des israelischen Raketenangriffs auf ein belebtes Wohnviertel der Stadt und riefen zum Widerstand gegen die israelische Besatzung auf. Die Hamas hat ihre Racheschwüre erneuert. Ab und zu fallen Schüsse, niemand interessiert sich dafür. Die Straßen der Stadt und die Strände sind nicht so voll wie sonst, es gibt kein geschäftiges Treiben.

Das eigentliche Ziel des israelischen Angriffs von Donnerstag - der von UNO-Generalsekretär Kofi Annan schärfstens kritisiert wurde - hat überlebt: Israel bestätigte am Freitag die Angaben der Hamas, der als Bombenbauer beschuldigte Mohammed Deif sei lediglich verletzt. Die Toten sind zwei Leibwächter, 35 Menschen wurden verwundet, darunter 15 Kinder.

In den vergangenen Wochen hat die israelische Armee ihre Angriffe auf Gaza-Stadt verstärkt, beinahe jede Nacht riss Gefechtslärm die Menschen aus dem Schlaf. Zuletzt stießen die Israelis vermehrt auf bewaffneten palästinensischen Widerstand. Der gesamte Gazastreifen mit seinen 1,2 Millionen Einwohnern ist hermetisch von der Außenwelt abgeriegelt, der israelische Checkpoint zwischen den Städten Deir El-Ballah und Khan Younis verhindert auch die Bewegung im Inneren. Die Menschen sind Gefangene ihrer Dörfer und Städte.

In den Gesprächen und Diskussionen der Palästinenser herrscht ein Thema vor: die Sorge vor einer umfassenden israelischen Invasion in Gaza. Alle bisherigen Angriffe und Bombardierungen werden nur als Vorspiel dazu gesehen.

Den Startschuss dafür erwarten sie sich spätestens mit dem Beginn eines US-Angriffs auf den Irak. Die Menschen von Gaza befürchten, dass das Ziel der Regierung von Ariel Sharon eine umfassende Vernichtungs- und Vertreibungsaktion der Palästinenser sein könnte, eine Art Wiederholung der "Nakba", der Katastrophe von 1948.

Die Vorbereitungen dafür werden auf palästinensischer Seite getroffen, die meisten Haushalte horten Nahrungsmittel und Wasser und halten ihren wertvollsten beweglichen Besitz griffbereit, ebenso wie ihre Waffen. Und da heute der zweite Jahrestag der Intifada, ihres Aufstandes gegen die israelische Besatzung anbricht, besuchten die Palästinenser im Gazastreifen und im Westjordanland am Freitag ihre 1600 Toten. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.9.2002)

Harald Haas aus Gaza-Stadt
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    Palästinenser in Gaza-Stadt beim Begrtäbnis von einem der Opfer des isralischen Raketenangriffs von Donnerstag.

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