Bis zu 1.000 Tote bei Fährunglück im Senegal

1. Oktober 2002, 08:53
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Nur 64 Menschen konnten gerettet werden - Wienerin wird vermisst - Suche nach Überlebenden eingestellt

Nairobi/Dakar - Bei der bisher schlimmsten Schiffskatastrophe in der Geschichte Westafrikas (DER STANDARD berichtete) sind neuen Behördenangaben von Montag zufolge bis zu 1000 Menschen in den Tod gerissen worden. Entgegen früherer Informationen waren mindestens 1034 Passagiere an Bord, als die senegalesische "Joola" am Donnerstag vor der Küste Gambias kenterte.

Wie senegalesische Behörden-sprecher am Montag in der Hauptstadt Dakar bestätigten, haben sich auf dem staatseigenen Fährschiff ungefähr 200 Menschen mehr aufgehalten als ursprünglich angenommen. Damit seien doppelt so viele Menschen wie erlaubt an Bord gewesen.

Rettungskräfte und einheimische Fischer versuchten auch am Montag, die im Schiffsrumpf eingeschlossenen Leichen zu bergen. Nach vorläufigem Stand der Ermitt-lungen überlebten lediglich 64 Menschen das Unglück, 350 Leichen waren geborgen.

Die "Joola" war auf dem Weg von der südlichen Provinz Casamance nach Dakar in einen Sturm geraten und innerhalb von drei Minuten gekentert. Die meisten Fahrgäste waren einheimische Händler, für die der Wasserweg über den Atlantik die wichtigste Handelsroute ist. Wegen der Autonomiekämpfe in der südlichen Provinz Senegals ist der Land-weg zu gefährlich geworden.

Wienerin an Bord

Auch mehr als hundert Studenten, die zu Semesterbeginn nach Dakar wollten, waren unter den Passagieren; ebenso eine junge Wienerin. Wie das Außenministerium unter Berufung auf die Botschaftssekretärin in Dakar, Manuela Frommwald, am Montag bestätigte, war die 19-Jährige nach einem Familienbesuch auf der Unglücksfähre.

Gebaut worden ist die Fähre in der Neuen Germersheimer Schiffswerft (Rheinland-Pfalz). Die Unternehmensleitung widersprach am Montag den ersten Angaben von Senegals Präsident Abdoulayae Wade, denen zufolge das Schiff nur für Fahrten auf einem See geeignet gewesen sei. Das 79,50 Meter lange Schiff habe bis zu 50 Seemeilen weit aufs Meer hinausfahren dürfen, sagte der Geschäftsführer der Werft, Georg Höckels.

Wade hatte am Sonntag die Verantwortung der Regierung für die Tragödie eingeräumt. Das Schiff sei völlig überladen und nicht tauglich für diese Meeresfahrt gewesen.

Das Unglück entpuppt sich angesichts der neuen Opferzahlen als eine der größten Schiffstragödien der vergangenen Jahrzehnte. Die Fähre war nach einer fast einjährigen Reparatur erst vor drei Wochen wieder in Betrieb genommen worden. (DER STANDARD, Printausgabe 1.10.2002)

Nach dem schwersten Schiffsunglück in der Geschichte Afrikas haben Taucher am Montagabend die Suche nach Überlebenden im Wrack der senegalesischen Fähre "Joola" eingestellt.
Der senegalesische Innenminister Mamadou Niang kündigte im staatlichen Fernsehen die Veröffentlichung eines Untersuchungsberichts zu der Tragödie für Mittwoch an. Staatspräsident Abdulaye Wade hatte die Ministerien für Verteidigung und Verkehr mit einer detaillierten Untersuchung des Schiffsunglücks beauftragt. Der senegalesische Staatschef ordnete seinem Innenminister zufolge außerdem die Bildung einer "technischen Untersuchungskommission" an, die den Hergang der Katastrophe rekonstruieren soll.
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    Die gekenterte Fähre schwimmt umringt von Rettungsschiffen mit dem Kiel nach oben

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    Die "Joola" auf einem Archivbild

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    Amateurvideo eines Touristen.

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