BMW-Chef: Bald wieder an Kapazitätsgrenze

27. September 2002, 23:04
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Motorenwerk in Steyr wird zu immer wichtigerer Stütze des Autokonzerns, sagte Vorstands- Vorsitzender Helmut Panke im STANDARD-Interview

DER STANDARD: Der Ölpreis auf Höchststand, prekäre Wirtschaftslage in Deutschland, Neuauflage der rot-grünen Regierung - haben Sie als Autokonzernherr derzeit mehr Sorgen oder Freuden?

Helmut Panke: Es kommt drauf an, die richtige Strategie zu finden. Wir haben in den letzten Jahren gezeigt, dass die klare Fokussierung auf Premiumsegmente auch in wirtschaftlich unsicheren Zeiten die Basis für Erfolg bringt. Wir sehen das jetzt aktuell im Jahr 2002: Wir haben nach den ersten neun Monaten sowohl bei der Marke BMW wie auch bei der Marke Mini, bei Motorrad und bei Financial Services gute Wachstumsraten.

DER STANDARD: Wie sehen Sie den Ausgang der Wahlen?

Panke: Rot-Grün hat ja in der ersten Legislaturperiode doch viele überfällige Reformen begonnen. Neben aller gebotenen Vorsicht: Da ist vieles bewegt worden. Wir sollten alle, egal in welcher Industrie, positiv in die nächsten vier Jahre reingehen. Es muss eine Vorwärtsbewegung in unserem Land entstehen. In einzelnen Themen werden wir aber sicher diskutieren müssen: Eine einseitige Bevorzugung der Bahn etwa kann nicht die Lösung sein. Auch der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn kann von seiner Wohnung aus nicht gleich in den ICE einsteigen, wenn er ins Büro fahren will.

DER STANDARD: Was halten Sie von den Vorschlägen der Hartz- Kommission zum Arbeitsmarkt?

Panke: Wichtig ist, dass Bewegung reinkommt, dass Bürokratie und Schwerfälligkeit abgeschafft werden. Wenn durch die Hartz-Kommission mehr neue Arbeitsplätze geschaffen werden, ist es sehr positiv. Es kann aber nicht darum gehen, nur die vorhandenen Arbeitslosen besser zu verwalten.

DER STANDARD: Zu Ihrem Unternehmen: Anders als andere deutsche Hersteller legt BMW auch heuer zu, bis Ende September wurden um 19 Prozent mehr Fahrzeuge produziert. Wie sieht's bis Jahresende aus?

Panke:Wir werden über eine Million Fahrzeuge - BMW und Mini - absetzen und so auch bei Umsatz und Ertrag das Spitzenjahr 2001 übertreffen.

DER STANDARD:Wir sehen in Paris zwei Oberklassemodelle mit Dieselmotoren aus Steyr. Wie sind dort die Perspektiven?

Panke: Wir sind in Steyr bei der siebenten Ausbaustufe angelangt. Das Werk ist mit dem Erfolg mitgewachsen. Es ist sicher nicht falsch zu sagen, dass wir auch wieder an die Grenzen kommen werden. Dieselmotoren werden in Europa stark nachgefragt - im Segment des Siebener-BMW liegt in Westeuropa der Dieselanteil derzeit bei mehr als 40 Prozent. Das ist eine Zukunftsperspektive. Und: Die Motoren aus Steyr sind toll.

DER STANDARD: Welche Fahrzeuge könnte BMW zusätzlich zu den genannten - X3, Einser-Reihe, Sechse-Coupé - bringen?

Panke: Wir haben sowohl mit dem Roadster Z3, der jetzt vom Z4 abgelöst wird, wie auch mit dem X5 (Luxus-Geländewagen, Anm.) und dem X3, der bei Magna in Graz ge 3. Spalte baut wird, neue Segment aufgebaut. Diesen Weg werden wir weitergehen. Wir werden aber nur Produkte bringen, die die Werte der Marken BMW, Mini und - ab 2003 - auch Rolls-Royce wiedergeben.

DER STANDARD: Kann es auch einen BMW-Van geben?

Panke: Theoretisch ja. Aber wenn man sich die Marktzahlen anguckt, ist das klassische Van-Segment weltweit im Rückgang. Ein BMW muss aber immer die "Ultimative Driving Machine" sein, ein klassischer Van also sicher nicht. Es gibt auch andere Crossover-Konzepte: Wir haben vor anderthalb Jahren mit dem X-Coupé gezeigt, wie zwischen Allradkonzept und Coupé eine Verbindung hergestellt werden kann. Solche Lösungen werden wir in Zukunft nicht nur von BMW, sondern auch von anderen Herstellern vermehrt sehen.

DER STANDARD: Manche halten das Luxussegment mittlerweile für überbesetzt - mit Offensiven bei Rolls-Royce, Maybach, Bentley.

Panke: Das ist nicht unsere Einschätzung. Dieses obere Segment des Pkw-Marktes wird durch das Angebot bestimmt. Das Segment war vor einem Jahrzehnt deutlich größer als heute.

DER STANDARD: BMW hat heuer fünf Rückrufaktionen starten müssen. Was ist da passiert?

Panke: Um es klar zu sagen: Jede Rückrufaktion ist eine zu viel. Es ist aber heute eher so, dass präventiv eine Aktion gesetzt wird, ehe ein Risiko beim Kunden entsteht. Insgesamt ist die Industrie transparenter geworden.

(DER STANDARD, Printausgabe, 28.9.2002)

Das Gespräch führte Leo Szemeliker

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    Helmut Panke übernahm von seinem Vorgänger Joachim Molberg einen nach dem Debakel mit Rover geordneten Konzern auf Rekordfahrt. Das Werk in Steyr - das "Dieselkompetenz- Zentrum" der Gruppe - profitierte mit.

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