Kahlschlag bei MobilCom

27. September 2002, 17:53
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Fast jede zweite Stelle fällt weg - Im Kerngeschäft Mobilfunk Einsparungen von 130 Millionen Euro jährlich geplant

Der angeschlagene Mobilfunkanbieter MobilCom muss fast jeden zweiten Arbeitsplatz streichen, um sein Überleben zu sichern. Das Sanierungskonzept des Vorstands sehe vor, 1.850 Vollzeitstellen abzubauen, teilte die MobilCom AG am Freitag in Büdelsdorf mit. Gegenwärtig beschäftige das Unternehmen 5.000 Arbeitnehmer einschließlich Teilzeit- und Aushilfskräften. Das entspreche 4.200 Vollzeitstellen. Demnach gehen 44 Prozent der Arbeitsplätze verloren.

Plan

Das Sanierungsprogramm sehe vor, den Aufbau des Mobilfunknetzes des neuen Standards UMTS einzufrieren. MobilCom ist im Vergleich zum Wettbewerb mit dem Netzaufbau bereits relativ weit, kann sich aber keine weiteren Investitionen mehr leisten. Der Großaktionär France Telecom hatte sich vor zwei Wochen aus der zunächst vertraglich zugesagten UMTS-Finanzierung zurückgezogen. An der UMTS-Lizenz werde MobilCom jedoch festhalten, heißt es in der Mitteilung. Die mehr als acht Milliarden Euro teure Lizenz kann nach den Regeln der Regulierungsbehörde nicht verkauft werden.

Potential

Im Kerngeschäft Mobilfunk will MobilCom jährliche Einsparungen von 130 Millionen Euro realisieren, schreibt das Unternehmen weiter. Damit soll das Geschäft mit Handys und Mobilfunkverträgen für andere Netzbetreiber im ersten Halbjahr 2003 operativ wieder profitabel werden. Die Unternehmenssparte leidet unter der Marktsättigung im Mobilfunkbereich und der schwachen Entwicklung der gesamten Branche.

Gewinnbringend

Zu dem dritten Unternehmensbereich Festnetz, der als einziger Unternehmensteil Gewinne macht, enthält die Pflichtmitteilung von MobilCom keine Angaben. Die Unternehmenstochter freenet.de hat jedoch Interesse angemeldet, die Sparte zu übernehmen. Im Festnetzbereich beschäftigt MobilCom 400 bis 500 Arbeitnehmer.

Vorgeschichte

Die deutsche Regierung hatte die Insolvenz von MobilCom kurz vor der Wahl abgewendet und Kredite staatlicher Banken in Höhe von 400 Millionen Euro in Aussicht gestellt. Davon sind bisher 50 Millionen Euro tatsächlich gezahlt worden, für die der Bund gebürgt hat. Die übrigen 350 Millionen Euro sind nach wie vor nicht gesichert, da bei den Banken die Kreditprüfung noch läuft. MobilCom hat keine Sicherheiten anzubieten außer vertraglichen Ansprüchen gegenüber France Telecom. Die Franzosen wollen jedoch nicht zahlen.

Über Kerne

Fachleute der Telekombranche haben schon früher darauf hingewiesen, dass das Mobilfunkgeschäft der Mobilcom ein gesunder Kern sei. Das Unternehmen vermittelt Mobilfunkverträge für die großen Netzbetreiber wie D1 oder D2. Allerdings war auch dieser Bereich in die roten Zahlen gerutscht. Beim UMTS-Geschäft gehen viele Fachleute davon aus, dass es zu viele Anbieter in Deutschland gibt. Die für über acht Mrd. Euro ersteigerte Lizenz darf nicht versteigert werden.

Aufschub

Wie die "Financial Times Deutschland" (Freitagausgabe) berichtete, haben die wichtigsten Gläubigerbanken die Fälligkeit von Krediten im Volumen von 4,7 Milliarden Euro bis Ende Oktober verlängert. So lange müsse das Unternehmen auch keine Zinsen zahlen, heißt es in der Zeitung, die sich auf Informationen aus dem Aufsichtsrat berief. Ursprünglich seien die Darlehen am Montag fällig gewesen.

Durch die Stundung gewinne das Unternehmen Zeit, sich mit seinem früheren Großaktionär France Telecom über Schadenersatzforderungen und die Übernahme von Schulden zu einigen, schrieb das Blatt weiter. (APA)

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