Quarks: "Triggermehappy"

21. Oktober 2005, 16:50
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Auf ins Nenaland: Mit totalem Soundwechsel die Klippe des "difficult third album" umschifft

... jetzt sind sie also beim gefürchteten "difficult third album" angelangt, die Quarks. Eins: das Lebenswerk, der große Weltentwurf, den man seit der Teenager-Zeit in geheimen Schubladen heranzüchtete. Zwei: alles, was sich auf dem ersten nicht mehr ausging plus ein paar neue Ideen - immer noch fast so gut wie das Debüt. Und dann eben die Nummer Drei, auf der sich zeigt, ob man wirklich Substanz hat oder vielleicht nur von einer guten Grundidee zehrte.

Die Quarks passieren diese Schleuse auf geschickte Weise: mit einem Soundwechsel. Und der fällt ziemlich total aus. Wer in der vergangenen Woche auf dem Konzert in Wien war, konnte nicht nur eine Jovanka von Willsdorf hören, die - anstatt wie gewohnt zu raunen - sang (!), teilweise sogar laut(!!), sondern auch miterleben, wie Gitarren gewürgt und Disco-Rhythmus heraufbeschworen wurden. Auf Konserve klingt die neue Mischung naturgemäß etwas glatter - der Unterschied zu den beiden Vorgänger-Alben "Zuhause" und "Königin" ist dennoch enorm. Keine Rede mehr von "Datapop", "Indietronics" oder "Laptop-Musik" - "Triggermehappy" ist guter alter Elektro-Pop. Gut in dem Fall, weil die Melodien passen - im Pop schließlich immer noch das Um und Auf.

"Triggermehappy"

Der Wechsel kommt auch nicht von ungefähr: Jovanka und Niels Lorenz sind privat kein Paar mehr, nach der Tour zur Vorgänger-CD befiel sie zudem eine küstlerische Krise - das alles schrie nach Wandel. Ist es ein Zufall, dass die Hälfte der Songs diesmal - Novum! - auf Englisch gesungen wird? Vielleicht sitzen die in den Texten omnipräsenten Trennungsschmerzen noch zu tief, um unmittelbar geäußert werden zu können. Sprachflucht schafft Sicherheit. - Schade allerdings, denn neben den gewohnt poetischen, in sich geschlossenen deutschen Texten [ ... manchmal fällt der Schnee im Zimmer / manchmal fällt die Welt ins Schloss / wegzugehen macht es schlimmer / da zu bleiben macht es viel zu groß ...] wirken die englischen leicht bausatz-mäßig.

Musikalisch regiert das Midtempo. "Typically me", "Wunder" oder die Single-Auskopplung "Vergiss" klingen, als hätten Stereolab an einem sonnigen Tag beschlossen einen Popsong zu schreiben. Die Analog-Synthesizer - bisher die zarten Knochen, aus denen sich der quarkssche Klangkörper zusammensetzte - werden wie im dezent kraftwerk-wavigen "Allein" zur Rhythmus-Maschine oder schwirren sich im Hintergrund einen ab.

Zwischendurch wird das Tempo dann auch wieder reduziert, denn wenn die Seele wackelt schlägt das Herz schwerer und langsamer. "Weg von hier" heißt das betreffende Lied - und wunderschön ist es.

"Ich steh auf Berlin"

Im bundesdeutschen Följetong grassiert derzeit der Hype vom "Berlin-Pop", für den Bands auf einen Haufen geschmissen werden, die sich das in ihren kühnsten Träumen nicht ausgemalt hätten: Von Mitgliedern der ehemaligen "Wohnzimmer-Szene" wie den Quarks oder Contriva über Pop-Newcomer wie Paula und Mia, das Inga Humpe-Auferstehungsprojekt 2raumwohnung bis hin zu ... huch ... Rosenstolz. Das klingt nun wirklich nicht nach einem gemeinsamen Sound ... und den hat es auch nicht. Noch zumindest.

Zwei gemeinsame Züge lassen sich aber doch feststellen: Auffällig erst mal die überdurchschnittlich starke Präsenz von Frauen (alle oben genannten Bands haben zumindest eine Sängerin), was aber auch eine statistische Zufälligkeit sein kann. - Wichtiger daher die zweite Gemeinsamkeit: der neu entflammte Wille zum Pop. Zu Melodien, eingängigem Sound, Gefühlsäußerung, Kitsch-Risiko, Zweckoptimierung, Mitsingbarkeit - und Mittanzbarkeit.

Diese Konvergenz zum Pop zeigen derzeit in der Tat sowohl die einstigen Elektronik-Bastler Jovanka und Niels - die mit "Triggermehappy" soundmäßig schon seeeehr nah an 2raumwohnung oder Paula herangerückt sind - als auch das einstmals im Pathos zwischen Schlager und Chanson watende Duo Rosenstolz. Doch noch unter einen Hut gebracht also. Und ehrlich gesagt ... Jovankas "Allein" als tanzbares Elektro-Chanson - das könnte in genau der Form heute auch von Rosenstolz kommen.

Wechsel in der Fangemeinde

Nach besagtem Konzert schieden sich in Wien erkennbar die Geister des Publikums - damit müssen die Quarks nun wohl fürs erste leben. Ein wenig ist das wie mit "Gran Turismo" der Cardigans. Das Album an sich - ein Bestseller, der riesige neue Fankreise erschloss - war zwar saugut ... dass die Schweden nach feingeistigem Jazzpop aber plötzlich auf Rock umgestiegen waren, hatte viele Fans der ersten Stunde verprellt. Ähnlich wird es mit "Triggermehappy" sein. - Kleiner Tipp zum ungestörten Genuss: am besten vorstellen, es handle sich um eine andere Band.

... und ehe ich den Kopf einziehe, weil gleich die ersten Steine fliegen werden: ich denke, das ist das beste Quarks-Album überhaupt.
(Josefson)

Quarks: "Triggermehappy"
(Home Records/Sony 2002)

Anspieltipps: "Typically me", "Allein", "Wunder", "Weg von hier", "Vergiss".
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    coverfoto: home records/columbia
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