Arbeitsmarkt bleibt Hauptproblem

28. September 2002, 13:00
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Österreich: Konjunkturaufschwung findet erst im kommenden Jahr statt, sagen die Wirtschaftsforscher - mit Grafik

Wien - Österreich kann sich der weltweiten Konjunkturflaute und den wirtschaftlichen Problemen der wichtigsten Handelspartner nicht entziehen. Sowohl das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) als auch das Institut für Höhere Studien (IHS) haben am Freitag ihre Wachstumserwartungen für 2002 deutlich nach unten revidiert.

Auch die beharrlich in Aussicht gestellte Erholung im kommenden Jahr - ausgehend von einem Aufschwung der US-Wirtschaft, stärkerer privater Nachfrage und Investitionstätigkeit der Unternehmen - werde schwächer ausfallen. Ein möglicher Schlag der USA gegen den Irak - mit absehbar negativen Folgen eines Ölpreisanstiegs - wurde nicht einkalkuliert.

Da in der Erholungsphase 2003 das Arbeitskräfteangebot stärker steigen werde als die Nachfrage, wird die Arbeitslosigkeit in Österreich auf dem derzeit unerfreulich hohen Niveau konstant bleiben.

Sowohl heuer als auch 2003 rechnen die Ökonomen mit rund 235.000 Arbeitslosen im Jahresdurchschnitt und einer Arbeitslosenrate knapp unter sieben Prozent. Seit 1945 - auch wenn die wirtschaftlichen Verhältnisse der 50er-, 60er- und 70er-Jahre nur sehr bedingt vergleichbar sind - war die Arbeitslosigkeit in Österreich nur im Jahre 1998 höher (238.000 Arbeitslose im Jahresdurchschnitt).

Das Wirtschaftswachstum selbst werde heuer zwischen 0,8 (IHS) und 0,9 Prozent (Wifo) liegen. Im Sommer war noch ein Anstieg des realen Bruttoinlandsproduktes von 1,5 Prozent (IHS) bzw. 1,2 Prozent (Wifo) erwartet worden. Für 2003 wurde die Prognose des Wifo von 2,8 auf 2,2 Prozent revidiert. Das IHS bleibt beim Prognosewert von 2,5 Prozent.

Höheres Budgetdefizit

In der Folge schnellt heuer das Defizit des Gesamtstaates, also inklusive der Überschüsse der Länder, auf 1,5 Prozent hinauf. Zwei Drittel sind davon konjunkturbedingt, ein Drittel sei Folge der Hochwasserkatastrophe. 2003 erwarten die Experten ein Budgetdefizit von rund einem Prozent. Hilfreich für die heimische Konjunktur sei in diesem Zusammenhang, so Wifo-Chef Helmut Kramer, dass die drei größten EU-Volkswirtschaften Deutschland, Frankreich und Italien nun von Brüssel aus zwei Jahre länger Zeit hätten, ihre Haushaltsdefizite gegen Null zurückzuführen. Ein drastisches Sparpaket insbesondere Deutschlands im Jahr 2003 hätte nicht zu unterschätzende Negativwirkungen auf Österreich gehabt.

Von einer Steuerreform 2003 rät Kramer weiterhin ab. IHS-Chef Bernhard Felderer kann sich eine solche nur parallel zu massiven Ausgaben- kürzungen vorstellen. Dann sei kurzfristig auch ein höheres Defizit akzeptabel.

Viel dringlicher erscheinen den Wirtschaftsforschern verstärkte Qualifikationsmaßnahmen für Arbeitslose, Innovationsimpulse in Forschung und Entwicklung sowie weitere Reformschritte im maroden Pensionssystem. Vom in letzter Minute von Schwarz-Blau verabschiedeten Konjunktur-und Jobprogramm sei durch die neue Investitionsprämie ein positiver Impuls zu erwarten - in Höhe von zwei Zehntelprozentpunkten zusätzlichen Wachstums.

Die Beschäftigungseffekte seien jedoch minimal, großteils handle es sich nur um Mittelumschichtungen. Drei Zehntel könnten an positiven Wachstumseffekten aus der Wiedererrichtung zerstörter Häuser und Infrastruktur nach dem Hochwasser resultieren. "Entscheidend ist jedoch die Stimmung der Konsumenten und das Anspringen der Investitionstätigkeit der Unternehmen", so Kramer. (miba/DER STAMDARD, Printausgabe, 28.9.2002)

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