"Die eigenen Widersprüche haben sie zu Fall gebracht"

27. September 2002, 11:20
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Elfriede Jelinek über Schwarz-Blau, den Uraufführungs-Boom ihrer Stücke und den Sinn von subventioniertem Theater

München/Wien - Keine anderer Theaterautorin, kein anderer Dramatiker dürfte in dieser Saison häufiger zu Uraufführungsehren kommen als Elfriede Jelinek. Nicht weniger als fünf Theaterabende bringen in den kommenden Wochen und Monaten Texte von ihr erstmals auf die Bühne.

Vor den zahlreichen Uraufführungen empfindet Jelinek "eher Angst. Man bekommt das Gefühl, jetzt wird nur noch Jelinek gespielt. Dabei sind die einzelnen Stücke ja nicht alle zugleich geschrieben worden. Dass die jetzt alle nacheinander aufgeführt werden, ist reiner Zufall."

Langsames Theater

Zwei der Stücke, deren Uraufführung bevorsteht, befassen sich mit Kaprun und der Gletscherbahnkatastrophe, nämlich "In den Alpen" und "Das Werk". Für Jelineks Geschmack kommen diese Werke zu spät auf die Bühne: "Der Jammer ist der, dass die Theater nicht so schnell sind. Ich finde, die Theater müssten für so etwas immer einen Termin freischaufeln - und wenn die Leute das dann bloß von Textbüchern ablesen. Aber weil ich gewusst habe, dass das nicht so schnell auf die Bühne kommen wird, habe ich auch im Text etwas von der Aktualität herausgenommen und ihn auf eine allgemeinere Ebene gestellt."

Die Autorin des Romans "Die Klavierspielerin", welcher in der Verfilmung von Michael Hanecke große Erfolge feierte, ist an weiteren Kino-Projekten sehr interessiert. Ihr Projekt, gemeinsam mit Ulrike Ottinger einen "witzigen Wiener Vampirfilm" zu realisieren, scheiterte bisher an der Finanzierung. In diesem Zusammenhang übt Jelinek Kritik an den Fernsehanstalten: "Es ist ein Jammer, dass diese nur noch kompatible Kost für junge Leute suchen. Insofern ist es wunderbar, dass es die subventionierten Theater noch gibt."

Gescheitert an den eigenen Widersprüchen

Befragt nach ihrer Befindlichkeit nach der Auflösung der blau-schwarzen Regierung, gegen die Jelinek ja Zeit ihrer Existenz gekämpft hatte, meinte die Schriftstellerin: "Wir Kunstschaffende haben das ja nicht erreicht. Wir haben vielleicht ein Klima dafür geschaffen, und ich habe versucht, das Meine dazu beizutragen. Aber ich habe nie die Illusion gehabt, dass man ausgerechnet durch Kunst etwas verändern kann. Ich habe immer gewusst, dass sich die Rechte selbst gegenseitig an die Kehle gehen wird. Wenn die Regierung stürzt, stürzt sie an den eigenen Widersprüchen, das war immer klar". (APA)

Jelinek-Aufführungen in Österreich:

seit 18.9: "Körper und Frau" : Forum Stadtpark Theater Graz (UA der Neufassung) Regie: Ernst M. Binder

26.10: "Prinzessinnen- dramen I-III" : Schauspielhaus Graz (ÖEA) (steirischer herbst) Regie: Brigitte Landes, Marc von Henning, Ruedi Häusermann

April 2003: "Das Werk": Akademietheater Wien (UA) Regie: Nicolas Stemann

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    Elfriede Jelinek
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