Mit Montaigne durch Deutschland

30. September 2002, 11:09
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Ilse Aichinger: Unglaubwürdige Reisen

Kirchenfürsten wie Kardinal König überschauen ihr Leben mit voraus- und nacheilender Begeisterung und Freude an den eigenen Entdeckungsfähigkeiten oft sehr global, ohne Kriege dazwischen. Michel de Montaigne bemerkt viel detaillierter und vorsichtiger auf seiner Deutschlandreise 1580: "Hier gibt es eine Fülle von Kohlköpfen, die man mit einem besonderen Gerät zerkleinert. Auch probiert man erst einmal ein Federbett aus." Und er merkt an, mit welch großer Gründlichkeit hier alles blank gehalten werde. Umsichtig reist er durch sein Leben, er blickt nicht zu rasch vor und zurück, was häufig auf eines hinausläuft.

Über die Betten könne man sich im Ganzen nicht beklagen. Wenn man jedoch in sei- nem Gepäck eine Matratze - die "dortzulande" unbekannt sei - und einen Vorhang mitführe, würde wenig fehlen. Er bedauert erstens, dass er keinen Koch mitgenommen hat, der sich mit den örtlichen Zubereitungsarten vertraut hätte machen können. Zweitens, dass er nicht einen deutschen Diener habe oder die Gesellschaft eines einheimischen Adeligen: Denn er fand es äußerst lästig, den Launen irgend eines Schafskopfs von Fremdenführer ausgeliefert zu sein. Drittens, dass er vor Antritt der Reise keins der Bücher konsultiert hätte, die ihn auf die besonderen Sehenswürdigkeiten jedes Ortes hätten hinweisen können, oder dass er nicht wenigstens einen Minister oder irgendeinen Kartografen in seinem Gepäck mitführe. Das Leben als Mangel.

Natürlich floss in sein positives Urteil über dieses Land auch ein wenig von der leidenschaftlichen Verachtung seines eigenen ein, das ihm aus anderen Gründen zuwider war. Aber unabhängig davon zog er die deutschen Annehmlichkeiten der französischen Lebensweise entschieden vor. Er passte sich ihnen gar so weit an, dass er den Wein wie Wasser trank. In Oberdeutschland lebe man freilich teurer als in Frankreich, denn umgerechnet kosten Mann und Pferd täglich mindestens einen Sonnentaler.

Unlängst hörte ich, wie ein junger Tänzer erzählte, mit welchen Halbgöttern er getanzt hatte, und wie Literaten mit zufälligem Erfolg rasch unglaubwürdige Vertragsbedingungen festlegen: Honorare in Devisen und vorausbezahlt. Gespräche über den Calvinismus oder den Ubiquitismus, wie Montaigne, würden sie gar nicht erst beginnen. Einen Doktor der Theologie, den er aufsuchte, um sich kundig zu machen, würden sie gar nicht erwägen. Als der Herr de Montaigne einen Doktor in Isny fragte, ob er das Kreuz mit der Darstellung des Gekreuzigten hasse, schrie der los. Am selben Abend servierte man Montaigne weiße Hasen, was ihn über den Doktorenzorn hinwegtröstete. Dann brach er nach Schondorf auf, Italien, das Ziel seiner Reise, war noch weit.

Wohin wird im Augenblick aufgebrochen und was wird einem serviert? Das begreifliche Glück über rasche Erfolge, als Tänzer oder Literat? Oder die Gnade einer langen, glücklichen Kardinalsexistenz? (DER STANDARD, Printausgabe, 27.9.2002)

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