Anna Lührmann (19), jüngste Abgeordnete in der Geschichte Deutschlands.

26. September 2002, 19:49
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Anna in Berlin will machen statt meckern

Auf ihrer Internet-Homepage www.anna-nach-berlin.deverkündet Anna Lührmann: "Anna in Berlin!" Die 19-Jährige schaffte den Sprung von der Schulbank ins Parlament. Sie ist damit die jüngste Abgeordnete in der Geschichte des deutschen Bundestags. Auch in Österreich liegt das passive Wahlalter bei 19 Jahren.

Außenminister Joschka Fischer fand es "fast unglaublich, aber richtig gut", dass sich die selbstbewusste junge Frau die Kandidatur auf Platz fünf der hessischen Liste - er selbst war auf Platz zwei - zugetraut und es schließlich auch geschafft hat. "Anfangs belächeln mich die Leute, aber dann merken sie schnell, dass ich wirklich etwas draufhab', auch zum Thema Steuerpolitik", berichtet die Grünen-Politikerin von ihren Erfahrungen und fügt hinzu: "Schließlich gibt es schon genug ergraute Männer im Bundestag."

Eigentlich wollte Lührmann die Zeit zwischen Abitur - bei dem sie einen Notendurchschnitt von 1,6 erreichte - und dem Beginn des Studiums der Sozialwissenschaften "irgendwo im Ausland in der Sonne liegend" verbringen. Die aus Hofheim stammende Hessin führte dann einen professionellen Wahlkampf: So gab es T-Shirts mit dem Slogan "Anna nach Berlin", und auf ihrer Homepage sind Pressemitteilungen, Termine und Antworten auf häufig gestellte Fragen zu finden.

Lührmann sagt von sich, dass sie seit der Volksschule "politisiert" sei. Ihre Mutter erzählt, von klein auf habe sie ihre Tochter zu Demonstrationen gegen die Stationierung von Pershing-II-Raketen mitgenommen. Die Mutter der Grünen-Politikerin ist im SPD-Ortsverein engagiert, ihr Vater ist SPD-Kämmerer in Gießen, der Bruder steht der FDP nahe. Mit neun Jahren begann Lührmann bei der Jugendgruppe von Greenpeace aktiv mitzuarbeiten, in der Schule wurde sie wiederholt zur Schulsprecherin gewählt, und mit 14 Jahren trat sie den Grünen bei. Freimütig räumt sie ein, dass sie "nicht hundertprozentig mit dem Wahlprogramm" übereinstimme.

"Machen statt meckern" ist das Motto der Reala: "Für unsere Generation bedeutet gesellschaftliches Engagement, konkret etwas zu verändern, statt nur über abstrakte Ideologien zu diskutieren." So hat sie einen Entwurf für eine europäische Verfassung mit gerade einmal 24 Artikeln vorgelegt. Sie will im Parlament "die proeuropäische Stimmung unserer Generation wiedergeben" und sich auch für eine bessere Bildungspolitik sowie eine gerechtere Ausgestaltung der Globalisierung einsetzen.

Künftig wird ihr noch weniger Zeit für ihren Hund Vicky und fürs Kinogehen bleiben. Dass sie "nicht abhebt" und Politikerworthülsen vermeidet, darauf achten einige gute Freunde. Sie wurden auserkoren, auf ihre "politische Red-lichkeit" zu achten - auch wenn "Anna in Berlin" ist.(DER STANDARD, Printausgabe, 27.9.2002)

Alexandra Föderl-Schmid
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