"Nichtstun ist keine Option"

26. September 2002, 19:33
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Der Chefredakteur des liberalen "New Yorker" David Remnick begründet im STANDARD-Interview seine Befürwortung eines Militärschlags gegen den Irak

Standard: Mr. Remnick, warum unterstützt ausgerechnet der "New Yorker" eine militärische Aktion gegen Saddam?

Remnick: Gute Frage. Sie haben Recht, der New Yorker ist politisch meist liberal ausgerichtet. Aber mein Leitartikel sagte nicht: George Bush, right or wrong, schickt die Bomben schon morgen. Ich sagte noch etwas Zusätzliches, Kritisches - und ich spreche hier nur für mich, nicht für das Magazin: Saddam Hussein ist nicht Santa Claus. Was er in seinem Sack hat, sind nicht Geschenke für kleine Kinder. Er besitzt chemische und biologische Waffen, die die Region bedrohen und die leicht an Terroristen verteilt werden können. Seine Nähe zu Terroristen ist wohlbekannt, ebenso seine Ablehnung von Waffeninspektionen und sein Streben nach nuklearen Waffen. Dann ist die Frage, was macht man dagegen? Mir scheint, die Bush-Administration hat das ganz falsch angefangen. Wobei sie zugegebenermaßen alle Hände voll zu tun hatte mit Al-Qa'ida.

STANDARD: Was wäre der richtige Weg?

Remnick: Zunächst, was sind die Optionen? Die Option, nichts zu tun? Und Saddam zu erlauben weiterzumachen? Das Risiko einzugehen, dass diese Waffen an die Al-Qa'ida oder die Hisbollah verteilt werden? Für mich ist das keine Option. Das ist Wunschdenken. Und die Geschichte in Ihrem und meinem Teil der Welt lehrt, wo Wunschdenken hinführt. Das ist keine Frage von liberal oder konservativ. Die zweite Option ist es, den Rest der Welt zu ignorieren und einfach zu tun, was wir wollen, und zwar sofort. Das ist auch ein Fehler. Die dritte Option ist mehr internationalistisch und erfordert die geduldige Aufbau einer Allianz, wie im Golfkrieg. Man muss prüfen, ob effektive, zwangsweise, wenn nötig bewaffnete Waffeninspektionen gegen Saddam eingesetzt werden können. Wenn das die Option sein kann und es funktioniert - fantastisch. Aber um das in Gang zu bringen, darf man die Europäer nicht beleidigen, nicht den Rest der Welt mit Herablassung behandeln. Ich denke nicht, dass die Bush-Administration das richtig angegangen ist.

STANDARD: Was aber, wenn das nicht funktioniert?

Remnick: Ja, was ist, wenn die Irakis nur ihre Spiele spielen, wenn es nicht möglich ist, eine nennenswerte Koalition gegen Saddam zustande zu bringen? Dann stehen wir vor einem sehr ernsten Bruch mit der Art, wie die USA in der Vergangenheit Weltpolitik aufgefasst haben. Die USA sind nun keine Superpower mehr, sondern eine Hyperpower - mit einer nie da gewesenen militärischen Überlegenheit und immensem wirtschaftlichen und kulturellen Einfluss. Nun haben wir ein noch nie da gewesenes historisches Problem: Wie kann eine solche Macht, die sich selbst als wohlwollend und anständig sieht, aber ohne Illusionen, in der Welt operieren? Und: Was gleicht die Macht der USA aus? Das britische Empire hatte Frankreich und Deutschland, sogar das römische Imperium hatte die Perser und Germanen.

STANDARD: Aber muss der Krieg gegen Saddam jetzt plötzlich sein?

Remnick: Ich schließe gar nicht aus, dass das Drängen Bush-Administration etwas mit den Kongresswahlen im November zu tun hat. Aber noch einmal: Nichts zu tun, was viele europäische Meinungskolumnen vorschlagen, ist keine Option.

STANDARD: Aber es scheint eine starke Strömung in der Bush-Administration zu geben: Lasst uns nicht mit dem Irak aufhören, sondern gleich die ganze Region ummodeln. Ist das nicht Selbstüberhebung?

Remnick: Vielleicht. Aber wer hätte gedacht, dass die Sowjetunion zusammenbrechen würde? Und außerdem, die Leute, die mit dem Status quo im Mittleren Osten sehr zufrieden sind, scheinen keinen Begriff vom Brutalismus dort zu haben. Noch einmal, das ist keine Sache von liberal oder konservativ. Christopher Hitchens, ein Kolumnist, der so links ist, wie man es nur sein kann, ist dafür, Al-Quaida als das zu bezeichen, was es ist: Faschismus mit einem islamischen Gesicht.

STANDARD: Jemand wie Noam Chomsky denkt aber, es seien die USA, die faschistisch sind.

Remnick: Chomsky ist ein seltsames Phänomen. Auf seinem Gebiet, der Linguistik, ist er Einstein. In der Politik scheint er mir das Gegenteil von Einstein zu sein. Aber er ist wichtig als Gegenstimme, um Druck auf die Mächtigen auszuüben und eine ernsthafte Debatte zu haben. Chomskys Buch über den 11. September ist ein Mini-Bestseller. Gut so. Aber ich weiß auch, dass die Neue Linke in einer ganzen Reihe von Dingen vollkommen falsch lag: Kambodscha, Kuba, die Sowjetunion, die Gutartigkeit von Mao Zedong.

STANDARD: Europa scheint sich immer mehr von den USA zu entfernen.

Remnick: Ich denke, ein Teil davon ist Teil von Europas Auseinandersetzung mit dem Faktum einer neuen unipolaren Macht und ihren Implikationen. Aber die Europäer sollten wissen, dass sich die Amerikaner ebenfalls mit diesen Implikationen auseinander setzen. Dass nicht jeder in Amerika rein triumphalistisch ist, rein imperialistisch. Amerika und die Amerikaner sind stolz auf diese Entwicklung als eine so große Macht, aber sie haben auch die Absicht, eine wohlmeinende Macht zu sein. Macht ist nicht gleich Macht. Die Frage ist, wie sie ausgeübt wird. War die Welt sicherer, als es die Sowjetunion gab? Ich denke nicht.(DER STANDARD, Printausgabe, 27.9.2002)

Das Gespräch führte Hans Rauscher

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The New Yorker

David Remnick, 43, ist seit vier Jahren Chefredakteur des New Yorker, den er auf einem Mittelweg zwischen dem intellektuellen Snobismus früherer Jahre und dem unangemessenen Pop-Stil seiner Vorgängerin Tina Brown führt (und die Auflage erstmals auf über 800.000 steigerte). Remnick war in den frühen Neunzigerjahren Korrespondent der Washington Post in Moskau und erhielt für sein Buch "Lenins Grabmal: Die letzten Tage des sowjetischen Imperiums" 1994 den Pulitzerpreis. Er ist auch Autor einer Muhammad-Ali-Biografie "King of the World". Der New Yorker gilt als das Zentralorgan der intellektuellen städtischen Elite und gehört zum Verlag Condé Nast.

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