Scheu vor kostspieligen Naziprozessen

27. September 2002, 11:21
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Kanada überlegt Verzicht auf Ausweisung von greisen Nazi- Kriegsverbrechern - Jüdische Gruppen entsetzt

Greise Nazikriegsverbrecher können darauf hoffen, nicht mehr aus Kanada ausgewiesen zu werden. Laut einem Bericht der Zeitung The Globe and Mail, die sich auf hochgestellte Beamte im Immigrationsministerium beruft, überlegt man sich in Ottawa, den ehemaligen Schergen der Nationalsozialisten lediglich die kanadische Staatsbürgerschaft wegzunehmen, ohne ihnen aber die Aufenthaltsgenehmigung zu entziehen.

Kanadas Regierung sucht Lösungen, kostspielige Naziprozesse mit ungewissem Ausgang zu vermeiden. Einwanderungsminister Denis Coderre erklärte, die Regierung halte sich verschiedene Optionen offen, wolle aber nicht nachsichtig mit mutmaßlichen Nazikollaborateuren umgehen. Nähere Details wurden nicht veröffentlicht.

Jüdische Gruppen reagieren mit Empörung

Jüdische Gruppen reagierten mit Empörung auf die Überlegungen der Regierung. Die Organisation "B'Nai Brith Canada" (laut Internetseite der Organisation) fürchtet, dass man Nazimassenmördern wegen ihres fortgeschrittenen Alters eine ungerechtfertigte Sympathie entgegenbringe.

Noch nie ist in Kanada ein Kriegsverbrecher aus dem nationalsozialistischen Deutsch- land rechtskräftig verurteilt oder ausgewiesen worden. In den vergangenen sechs Jahren hat die Regierung zwar 17 Prozesse gegen entsprechend Beschuldigte angestrengt. Doch in elf Fällen starben die Angeklagten, bevor der Prozess beendet war. Zwei Nazis verließen Kanada freiwillig, bevor es zum Prozess kam, und drei Beschuldigte konnten sich erfolgreich verteidigen.(DER STANDARD, Printausgabe, 26.9.2002)

Bernadette Calonego aus Vancouver
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    Kanada verzichtet auf kostspielige Nazi-Prozesse

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