Lass mich Dein Tor zur Welt sein

26. September 2002, 17:30
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Die österreichischen Bundestheater gehen mit einer Portallösung ins Netz

Früher verstand man unter einer Portallösung etwas ganz Handfestes. Idealerweise trugen da zwei kräftige Mannsbilder die ganze Weltkugel und so nebenbei auch noch einen Türsturz. Zwischen den beiden klaffte dann ein riesiges schwarzes Loch im Haus. Dahinter lagen die Verheißungen: einladend kokett hingeworfene Adelsfräulein auf ausladend üppigen Récamieren, versierte Verbindungsleute zu Hof und Geld, Kunstschätze, Geheimbünde, Ausspeisungen, Gesangsdarbietungen. Im Triumpfzug ging es vorbei an Atlanten und Karyatiden, durch Bogenfelder und Segmentgiebel, hin zum stolzen Herren des Hauses oder auch zu seiner Frau. Heute ist es unter Hausherren in Verruf geraten, derart symbolisch durchs Gemächt zu empfangen. Freitreppen und pilastergerahmte Monumentaltore sind der neuen Bescheidenheit anheim gefallen. Am Wiener Museum Moderner Kunst etwa sieht man, dass der heute einzig noble Eingang der dienstbotengroße ist.

Und dabei sind große Häuser heute transparent wie nie. Wer auf sich hält, betreibt ein Internetportal. Einen virtuellen Eingang, der den Besucher zu Ebenen führt, die nie ein Architekt zuvor gebaut, und demnach nie ein Besucher zuvor gesucht hätte. Das alles lässt sich im Sitzen entdecken. Bevor man auch nur eine reale Zehe dorthin bewegt hat, ist man orientiert wie ein alter Hausmeister und ausgestattet mit allen nur erdenklichen Passierscheinen. Manche Portale führen bloß in einen Gebäudekomplex, andere in ganze Welten. Für Freunde des guten Tons ist www.orpheus.at so ein Monumentaleingang. Der sieht zwar nicht viel gleich, bietet aber zwischen Österreich und Deutschland so ziemlich alles, was mit Musik zusammenhängt: Allgemeines, Bands, Blasmusik, CDs ... Instrumente, Jazz, Komponisten, Noten ... Orchester, Studios, Vereine, Volksmusik.

Unter www.alook4.com, das auch nicht viel gleichschaut, kann man überhaupt erst einmal ein Fachgebiet zwischen "Auto & Motor , "Kunst & Kultur", "Shoppig", "Staat & Politik", "Tiere & Umwelt" oder "Wirt- schaft & Finanzen" wählen, ehe man in die jeweils unendlichen Weiten vorstößt. Mit zu den feschesten und gleichzeitig praktikabelsten, wenn auch nur Einhausportalen, gehört jenes der Kunsthalle Wien. Es hilft ebenfalls mit, den real versteckten Eingang zumindest im Netz repräsentativ zu gestalten. Neu ist bundestheater.at, das gemeinsame Webfoyer der Bundestheater. Man kann dort zwischen Burg- und Volks- wie Staatsoper hüpfen, wird fast in Echtzeit über die Spielplankonsequenzen, verursacht durch indisponierte Soubretten, informiert und kann sich auch gleich auf just jenem Sessel einbuchen, auf dem man dann in echt auch sitzen wird. Service vom Feinsten. (DER STANDARD, Printausgabe, 27.9.2002)

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