+++PRO & CONTRA--- Vitamintabletten

3. Oktober 2002, 22:46
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... und so lösen wir phasenweise präventiv ein Brausepillchen in einem Glas auf und unterziehen uns der süßlichen Trinkfolter ...

+ + + PRO

von Ljubisa Tosic

Gesundheit, das ist einfach so ein Gefühl. Unsereins überkommt es etwa, wenn wir durch die morgenjunge selbst produzierte Rauchwolke hindurch halbblind zum Kaffeehäferl greifen und Nasen-Gaumen-Freuden erleben. Mnjam! Es ist wie eine tägliche Geburt, und fraglos taugt dieses Ritual auch zur Grippeprävention. Es kann jedoch nicht verschwiegen werden, dass auch uns mitunter Panik packt, beim Betreten sozialer Räume (mobiler Bazillenzoo U-Bahn) überreich durch mitmenschliche Husten-Chöre erfreut zu werden. Durch eine Tschickrauchwolke darf man sich ja dort nicht schützen. Und so lösen wir phasenweise präventiv ein Brausepillchen in einem Glas auf und unterziehen uns der süßlichen Trinkfolter. Zwar sind wir nicht sicher, dass alles, was den Gaumen durch Scheußlichkeit erfreut, auch gesund ist.

Aber Hausarzt Doktor Placebo hat uns überzeugt, dass der Vitaminglaube Bazillenberge versetzt. Natürlich, als Jünger des ganzheitlichen Ansatzes kommen wir ohne unterstützende Maßnahmen nicht aus. Mit nassen Haaren aus dem Haus gehen. Barfuß durch den Schnee joggen. Bei offenem Fester nackt Berge anjodeln oder ein Eiswürfelbad. All diese Abhärtungsmaßnahmen (plus Vitamine) tragen dazu bei, dass wir unzerstörbar sind. Das ist bitte keine Aufforderung zur Imitation. Jeder ist anders, jeder muss individuell entscheiden, was sein Funktionieren in der Fabrik Alltag garantiert. George W. Bush etwa hält sich durch den präventiven Glauben an das Weltböse gesund, was jedoch für die Umwelt zu erheblichen Nebenwirkungen führt. Wie uns etwa Saddam Husseins Hausarzt bestätigte.

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- - - CONTRA

von Gerhard Plott

Wirklich, er war auf den ersten Blick ein Prachtexemplar der Gattung Mensch, ein Bursch wie ein Baum, so haben wir ihn in Erinnerung. Er liebte das Leben und hatte den Kopf voller Ideen und weitreichender Pläne. Allerdings hätte uns schon damals auffallen müssen, dass das Vorhaben einer Weltumschwimmung doch etwas exaltiert war, auch wenn er dafür im Hallenbad eifrig trainierte.

Um seinen Körper in Schwung zu halten, vertraute er den Segnungen der pharmazeutischen Industrie, und die wiederum lebte gut von ihm: Er schraubte den Umsatz von Vitamintabletten in lichte Höhen, gegen jede Krankheit, gegen jede Bedrohung seiner makellosen Erscheinung hatte er im Selbstversuch ein passendes Vitamin ausfindig gemacht, so schlau war er.

Natürlich nahm er Vitamin A gegen Ausschläge, selbstverständlich Vitamin B gegen Blasenschwäche, nichts anderes als Vitamin C gegen Creutzfeld-Jakob, unbedingt Vitamin D gegen Demenz . . . Das ging eine Weile ganz gut so, bis ihm ein völlig verantwortungsloses Subjekt einredete, dass es Vitamine auch in Zäpfchenform gebe.

Heute tut mir dieser Ratschlag ein wenig Leid, denn um seine Ruhe war es geschehen: Er konnte mit der Zeit gar nicht mehr still sitzen. Über das, was er sich applizierte, gibt es nur Vermutungen, neigte er doch wie gesagt zu Übertreibungen. Für uns blieb er aber stets ein Bursch wie ein Baum, wir nannten ihn Bonsai. (DER STANDARD/rondo/4/10/02)

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