Schöns Experimente

27. September 2002, 19:39
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Nanophysiker des spektakulären Betrugs überführt - Bell Labs entlassen prominenten Wissenschafter

Murray Hill - Aufsehenerregende Entdeckungen reihenweise meldete in den vergangenen Jahren das renommier- te amerikanische Forschungs- labor Bell Technologies in Murray Hill. Auf dem zukunftsweisenden Gebiet der Nanotechnologie verblüffte Bell mit sensationellen Funden. Zu danken waren die wissenschaftlichen Brillanten einem jungen deutschen Forscher, dem 32-jährigen Physiker Jan-Hendrik Schön. Schon wurde dem wissenschaftlichen Genie eine Direktorenstelle am Stuttgarter Max-Planck-Institut für Festkörperphysik angeboten, ein Nobelpreis galt als höchstwahrscheinlich.

Galt - denn eine Untersuchungskommission stellte nun fest, dass Schöns allzu schöne Daten in weiten Teilen seiner Fantasie entsprangen. In 16 von 24 untersuchten Fällen hatte sich der extrem produktive Physiker geschönter Daten bedient.

Was jahrelang niemand gestört zu haben scheint. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass Schöns sagenhafte Experimente bis auf eine einzige Ausnahme nie in Gegenwart eines Kollegen gelangen - ja, Schön führte sie nicht einmal in den Labors von Bell aus - stattdessen zog er sich auf das Gelände der Universität Konstanz zurück, wo er 1997 promoviert hatte. Solcher Schönheitsfehler ungeachtet, fanden Schöns Funde - publiziert in den renommierten Fachzeitschriften Nature und Science - höchste Anerkennung in der internationalen Wissenschafts-Community.

Vor allem die - angebliche - Entwicklung eines lediglich molekülgroßen Transistors im vergangenen Herbst erregte Aufsehen. Große Schritte auf dem Gebiet der Computertechnologie schienen sich anzukündigen, die Ära der Siliziumtransistoren ihrem Ende entgegenzueilen. Wenn, ja, wenn Jan Hendrik Schöns Zahlen und Kurven sich nicht allzu traumhaft geglichen hätten. Im vergangenen Mai wunderte sich Paul McEuen, Professor an der Cornell-Universität darüber, wie sehr sich drei Diagramme unterschiedlichster Experimente glichen, die Schön im Laufe eines Jahres in Nature und Science veröffentlicht hatte. Weitere Verdachtsmomente folgten.

Schließlich setzte Bell zum ersten Mal in der Werksgeschichte eine externe Untersuchungskommission auf den Fall an. Beschuldigt gab Schön zwar zu, in einigen Fällen auf Kurven mathematischer Funktionen zurückgegriffen zu haben, um die experimentellen Daten schöner darstellen zu können.

Auf der Authentizität seiner Experimente aber beharrte der Ex-Nobelpreis-Aspirant. Leider gelang es ihm nicht, sie unter den Augen der Kontrollore zu reproduzieren. Und leider, leider hatte er die Daten - wegen Platzmangels - von der Festplatte seines Computers gelöscht. (cia/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28./29. 9. 2002)

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    Jan Hendrik Schön

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