Früher war alles auch irgendwie so wie heute

26. September 2002, 18:14
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Neue CDs von Status quo, Interpol, Gary Numan und Hermano

INTERPOL
Turn On The Bright Lights
(Virgin)
Das New Yorker Quartett sieht zwar aus, als ob der unterkühlte britische New-Wave-Opa Gary Numan früher doch einmal Sex mit Langzeitfolgen gehabt hätte. Und auch musikalisch bewegt man sich auf den Spuren dieser Zeiten. Allerdings wird hier weniger auf die Babyjahre des Synthie-Pop aufgebaut als auf die molllastige Gitarrenschule von Echo & The Bunnymen, The Smiths und The Cure. Allerdings hält man sich beim Gesang im Gegensatz zu den Originalen zurück. Das tut der ganzen Sache hörbar gut und senkt den Weinerlichkeitsfaktor. Ältere Menschen werden das zu schätzen wissen.

GARY NUMAN
Exposure - The Best Of
(Universal)
Wo wir gerade vom Teufel sprechen: Dank dem britischen Gören-Trio Sugababes und ihrem aktuellen Hit Freak Like Me, der auf dem gesampelten Grundmotiv von Gary Numans altem 79er-Klassiker Are Friends Electric? basiert, kommt auch der verfemte Großenkel von Kraftwerk für die Plattenbauten zu späten Ehren. Wie die bis ins Heute heraufreichende Werkschau des immer noch aktiven Numan belegt: Sooo schlecht war die ganze Sache damals ja gar nicht. Die Texte sind zwar über die Jahre gleichbleibend dämlich geblieben. Im Vergleich zu heutigen "Electro-Clash"-Helden wie Swayzak, Martini Brös oder Grom braucht sich der Mann mit Klassikern wie Me! I Disconnect From You, Cars oder Down In The Park allerdings keinesfalls zu verstecken. Zweifinger-Synthesizer rules, OK?!

HERMANO
Only A Suggestion
(Trost)
Parallel zum weltweiten Erfolg von Queens Of The Stone Age meldet sich auch ein alter Held der US-Stoner-Rock-Szene mit einer aktuellen Formation zurück. John Garcia, Anfang der 90er-Jahre mit Josh Homme und Nick Oliveri von den Queens bei den legendären und genialen Genre-Übervätern Kyuss als Brülltier beschäftigt und anschließend bei glücklosen Combos wie Unida oder Slo Burn und im bürgerlichen Leben als Tierpfleger aktiv, jagt die schweren Acid-Riffs im Geiste von Black Sabbath in den höheren Drehbereich. Wem das etwas sagt: Das klingt dann so, als ob früher bei Soundgarden ein Mann gesungen hätte. Der Engländer meint dazu: Schlage deinen Kopf zu diesem!

STATUS QUO
Heavy Traffic
(Universal)
Die heiligen britischen Schlaghosen-Mystiker um Francis Rossi und Rick Parfitt (Down, Down, Caroline, Rockin' All Over The World ...) stehen hier aus folgenden Gründen: Boogie-Rock! Die Erfindung des Jeans-Anzuges 1976 für das Album Blue For You! Jeans-Anzug-Boogie-Rock! Die Kombination aus Boogie und Rock! Und - das beste Livealbum aller Zeiten, Quo aus 1977! Wer jetzt lacht, ist blöd. Wenn es auf dieser Welt einmal keinen Platz mehr für Status Quo geben sollte, dann möchte auch ich nicht mehr dabei sein. (DER STANDARD, Printausgabe, 27.9.2002)

Von
Christian Schachinger
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