Vom Scherz zum Schmerz

26. September 2002, 16:58
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Beck Hansen, ein Schwerenöter in Sachen Ironie, entdeckt auf "Sea Change" das seriöse, emotional berührende Songwriting

Beck Hansen, ein alter Held der Generation X und Schwerenöter in Sachen Ironie, entdeckt auf "Sea Change" das seriöse, emotional berührende Songwriting. Falls das nicht nur eine weitere Rolle darstellt, in die der 32-Jährige hier schlüpft.


Am Anfang war das Lied zur Bewegung. Mit dem fröhlich-fatalistisch hingeschluderten "Loser" wurde Beck Hansen aus Los Angeles Anfang 1994 über Nacht zum Star der Generation X: Der verschlurfte Do-it-yourself-Folk-HipHop und die eklektizistische Collagentechnik seines Albums Mellow Gold sollten den schlaksigen Eigenbrötler damals zur Frontfigur einer Generation von selbststilisierten Verlierern machen. Der blieben neben einer fehlenden Perspektive in McJobs und im Leben allgemein neben Second-Hand-Bekleidung offensichtlich auch nur Second-Hand-Gefühle aus dem Mistkübel der Popgeschichte übrig, um sich selbst zu artikulieren. Dass Loser mit seiner bekannten Textzeile: "I'm a loser, baby, so why don't you kill me?!" zur selben Zeit zum Hit wurde, als sich Kurt Cobain gerade eine Kugel in den Kopf gejagt hatte, trug zynischerweise noch das seinige zum Starstatus bei.

Ähnlich wie der Grunge Rock von Nirvana, Mudhoney oder Soundgarden alten Hardrock in Kombination mit den Beatles als Folie nahm, wurde in Becks Fall das postmoderne Wirrwarr von Zitatkunst im Hinblick auf das damals gern beschworene "Ende der Geschichte" gedeutet. Es wurde oft und oft unergiebig mit "Dekonstruktions"-Technik gearbeitet. Die Kunst der Versatzstück-Montierung war bei Beck aber immer schon mit klassischem Todescountry und bösem Country-Blues geerdet.

Der schlaksige Eigenbrötler, der damals teils wider Willen, teils durchaus ironisch von ihm selbst provoziert zum "role model" aufstieg, gründet seine Kunst, dies lehrt der Rückblick auf seinen bis dato ersten und einzigen Hit Loser und das Debüt Mellow Gold und vor allem auch auf die Nachfolgealben Mutations (1998), Odelay (1998) und Midnite Vultures (1999), allerdings weniger auf die somit unterstellte Modernität der Simulation und Versteckspielen hinter Zitaten und Versatzstücken. Trotz von Beck gern und generös bemühter Sampling-, Cut-up- und Collagetechnik gründet sich das Songwriting des heute 32-Jährigen auf einem tiefen Verständnis für klassische Songwritertraditionen.

Zwar geriet Beck speziell mit Midnite Vultures und seinen teilweise arg humorigen und karnevalistischen Beschwörungen von 80er-Jahre-New-Wave-Anklängen und billigem, als umweltbelastendes Wegwerfprodukt gelesenem Funk und Soul auf den Spuren von Prince und Curtis Mayfield erst vor drei Jahren in seine unerträglichste ironische und "komödiantische" Phase. Und er nahm weder sich noch die musikalischen Vorgaben wirklich ernst, indem er sich als weiße Hühnerbrust als nach körperlicher Liebe dürstende Sexbombe im Glitzeranzug stilisierte. Mit der Veröffentlichung von Sea Change hat Beck allerdings jetzt gerade noch einmal die Kurve hin zur Seriosität gekriegt. Sea Change ist ein großes, ein bewegendes Songwriteralbum ganz im konservativen Sinn geworden. Möglicherweise werden sich die zwölf Songs ja als Kassengift bei der Zielgruppe der mit ihm vom Band-T-Shirt ins Hemd mit Kragen wachsenden Dreißigjährigen entwickeln.

Aber die neue Ernsthaftigkeit und existentielle Traurigkeit, die hier zu bestaunen ist, diese Rückwendung zu seinen ureigensten kreativen Quellen werden Beck zumindest über lange Sicht aus der Zeitlichkeit jener Moden herausheben, denen er mit früheren, emotional oft unbeteiligt und oberflächlich wirkenden Collagen zwischen Latino-Rhythmen, Trash-Kultur und spitzbübischen Las-Vegas-Posen so verhaftet war.

Laut einem Interview mit der kalifornischen Zeitschrift Mean Street Magzine aus dem August 2002 hat sich Beck dabei vor allem auf einen Großen der populären Musikgeschichte besonnen. Wie sagte schon Country-Outlaw Kris Kristofferson einmal in den 70er-Jahren: "If you don't like Hank Williams, honey, you can kiss my ass." Der dünne, traurige Country-Sänger im weißen Cowboy-Anzug (You Win Again, Non one Gets Out Of This World Alive, I'm So Lonesome I Could Cry . . .), der am Neujahrstag 1953 als einer der ersten Stars der damals noch nicht näher definierten Popmusik auch als einer der Ersten einen klassischen Rock'n'Roll-Tod auf dem Rücksitz seines Cadillacs starb, inspirierte Beck zu seinen neuen, von existentieller Trauer kündenden Songs: "Hank Williams erzeugt mit sparsamsten Mitteln unglaubliche Gefühlsreaktionen. Die Idee hinter meinem neuen Album Sea Change war, so wie er sehr einfache, sehr direkte Songs zu schreiben. Jeder braucht ein bisschen Pathos. Man muss nur aufpassen, dass das mit dem Pathos nicht in die Hose geht."

Wo früher in den Songs Roboter Sex mit Stiptease-Tänzerinnen hatten und Schimpansen sich im Jacuzzi gegenseitig Kokain vom Allerwertesten schnupften und im Studio zwecks künstlerischer Inspiration ein Poster von Prince im Tangaslip hing, regiert heute das so genannte richtige Leben. Nach langjähriger Beziehung mit der kalifornischen Modedesignerin Leigh Limon und diversen Techtelmechtels mit Hollywood-Starlets wie Winona Ryder versuchte sich Beck während der vergangenen drei Jahre neu zu orientieren und vor allem auch einen etwas intimeren und persönlicheren Zugang zu seinen Songs zu finden. Der Süddeutschen Zeitung vertraute er unlängst an: "Exzentrischer Humor und Ironie sind manchmal eine Frage des Überlebens. Der Sinn für Humor hindert uns daran, verrückt zu werden. Aber Humor ist nicht alles. In den letzten Jahren habe ich versucht, herauszufinden, wo ich eigentlich hin will. Eine Platte, die so aufrichtig und verletzlich klingt, war überfällig."

Wo bisher Sampling-Brocken und Stilzitate in Becks Universum wilde Tänze aufführten, wird heute Trauerarbeit geleistet: "Baby, you're a lost cause, I'm tired of fighting for a lost cause", heißt es einmal. Und: "Leave the past behind." Und: "It feels like I'm watching something dying." Dazu wird in Songs wie The Golden Age oder Guess I'm Doing Fine schwermütig mit der akustischen Gitarre in Nashville Einkehr gehalten, wo sich auch bald eine Steel Guitar greinend dazugesellt. Doch nicht nur der Country eines Hank Williams wird hier neu und vor allem über beigefügtes elektronisches Gezirpe und Störfrequenzen weg von dessen strenger Form Richtung High-Tech-Farm gedeutet. In Liedern wie Round The Bend, wie andere auch durch die dunkel-drohenden Gewitterwolken eines Streichorchesters atmosphärisch aufgeladen, erweist Beck auch dem großen britischen, 1974 verstorbenen Untergangstragöden Nick Drake seine Referenz: "Wir brauchen uns keine Sorgen zu machen. Das Leben fliegt schneller dahin als die Kugel aus einem leeren Gewehr." Wir sehen, die Situation ist ernst.

Möglicherweise ist Beck hier ja nach dem Slacker, dem postmodernen Las-Vegas-Entertainer und dem Sexgott des Funk ja nur vorübergehend in eine neue Rolle geschlüpft. Falls nicht, haben wir es hier mit einem berührenden und emotionale Abgründe aufreißenden Album zu tun, das Beck in die Nachbarschaft eines Leonard Cohen stellt. Auch der lacht bekanntlich gern. Heimlich. (DER STANDARD, Printausgabe, 27.9.2002)

Von
Christian Schachinger
  • Beck Hansen:Sea Change(Universal)
    foto: universal

    Beck Hansen:
    Sea Change
    (Universal)

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