Viecher mit Aussicht

6. Oktober 2002, 11:35
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Bionik ist die verknüpfte Lehre von Biologie und Technik. Es geht aber auch verspielter, wie Kristian Fenzls Käfermutanten zeigen

Biologie und Technik, Design und Ethik, Gentechnik und Physik haben eines gemeinsam: Sie sind am Ende des Tages nichts als erfundene Begriffe, mit Sinn befüllbare Worthülsen, die den Menschen die großen Wunder der Welt in linearen, logischen Abfolgen und Formeln verstehen machen wollen. Die Welt als Wille und Vorstellung. Einteilungen, Definitionen, Katalogisierungen werden erfunden. Zu guter Letzt wissen wir, dass wir noch immer nichts wissen, oder zumindest kläglich wenig wirklich begreifen können, dass ein Erkennen des Universums unseres Geistes wahrscheinlich nie sein wird.

So zum Beispiel, um auf die scheinbaren faktischen Realitäten der Naturwissenschaften unseres Globus und damit unseres Denkens zurückzukehren, steht man seit vielen Jahren ratlos - mit mathematischen Tabellen und physikalischem Formelzeug zwar wehrhaft ausgerüstet - vor den Schwimmkünsten des Delphins: Seit im Jahr 1936 der britische Zoologe James Gray in tadellosen Kalkulationen vorgerechnet hat, dass der freundliche Meeressäuger eigentlich über genau das Siebenfache seiner vorhandenen Muskelmasse verfügen sollte, um in den ihm angestammten Geschwindigkeiten durch die Ozeane zu gleiten, vermischen sich die Disziplinen quasi wie die Kielwasser.

Die Biologen erkennen, dass sie ohne die Techniker nicht wirklich werden begreifen können, was sich hier zwischen Tier und Wasser, Muskel und Haut abspielt, und die Techniker entdecken, dass es offenbar mehr gibt auf der Welt als Matrizen, Trägheitsmomente und schillernde Interferenzen auf dünnen Schichten. Die Bionik, eine vergleichsweise jugendliche Wissenschaft, will als Grenzgängerin zwischen Biologie und Technik seither biologische Prinzipien erforschen und damit die Techniken des Lebens neu entdecken. Sie hat bereits einige erstaunliche und technisch auch von unsereinem umsetzbare Resultate gezeitigt, wie zum Beispiel die vielbeachtete Entdeckung des Lotus-Effekts der schmutzabweisenden Oberfläche durch mikrofeine Schüppchen.

Doch zurück zu Schillern und Interferenz: Die Flügeldeckelfarben diverser Käfer sind eine Augenweide für sich, und was auch auch immer die prächtigen Changierungen ins Scarabäengrünliche oder Rosenkäferhafte hervorruft, ist sicher längst erforscht. Der Linzer Design-Profi Kristian Fenzl wagt mit einer neuen, kleinen, reizenden Publikation einen weiten Schritt in unkatalogisiertes Terrain, in eine Welt, die da einmal kommen mag: "Das neue Design der Coleopteren" (Verlag Wissenstransfer EURO 7,5) ist ein Science-Fiction-Produkt aus Design und Wissenschaft und zeigt fiktive Käfermutationen, wie sie eine künftige Gentechnologie vielleicht wirklich hervorbringen könnte. Norbert Minkendorfer entschlüsselt das Werk in seinem Vorwort folgendermaßen: "Wir stehen an der Schwelle zu einer neuen Sicht des Designs: Gentechnik als diffiziles Hilfsmittel des künftigen Designers." Er stellt die Frage: "Brauchen wir auch eine neue Ethik des Designs? Kristian Fenzl greift in seinen Bildern möglicherweise in eine nicht allzu ferne Zukunft: Mutanten - kreiert nach seinem Willen und seiner Vorstellung." "Ein Szenario des Designs im 3. Jahrtausend. - Schöne neue Welt?" (uwo, Der Standard/rondo/27/09/02)

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