Variationen über den Rausch

2. Oktober 2002, 20:56
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Gitarrist Nguyen Le, ein Jazzrocker mit Weltmusik-Fantasien, widmet sich auf "Purple" der exaltierten Kunst von Jimi Hendrix

Es könnte natürlich nicht schaden, Jimis Einfluss auf den Jazz einer näheren Untersuchung zuzuführen. Aber man würde wohl nicht viel mehr finden als das Naheliegende. Klar ist: Der Jazzrock bezieht sich auch auf jene Dinge, die auch Jimi Hendrix miterspielt hat. Und sicher haben die Gitarrenritter des Fusion-Genres Jimis exaltierten, bis zur Auflösung in schöne, chaotische, energetische Sound-Räusche gehende Kunst übend mitverfolgt und auch seine Licks brav studiert, die sich ihrerseits natürlich aus der Blues-Tradition der Altmeister speisten. Diese Einflüsse lassen sich beim frühen John McLaughlin nachhören; aber auch bei Mike Stern und John Scofield sind Jimi-Spuren zu finden. Mehr lässt sich über Jimis Einfluss schwer sagen. Wäre der Lebensvielfraß länger unter uns geblieben, hätte es sicherlich auch eine Zusammenarbeit mit Trompetengrantler Miles Davis gegeben, der ja in den späten 60er-Jahren an der Erweckung des Jazzrock arbeitete.

Die Kooperation war geplant, es kam leider nicht mehr dazu. So bleibt nur das Anhören jenes von Miles-Davis-Arrangeur Gil Evans eingespielten Big-Band-Albums mit Hendrix-Musik und es bleibt die Spekulation, wie er denn geklungen hätte, wenn der alte, stiloffene Düsterling Miles Jimis Feuer absorbiert hätte, und ob Jimi selbst noch tiefer in den Jazz gekippt wäre. Hätte er geklungen wie Frank Zappa? Diesem hat er übrigens eine in Miami 1968 auf offener Bühne in Brand gesetzte Gitarre geschenkt, die Zappa reparierte und später seinem Sohn Dweezil Zappa schenkte, der sie dieser Tage versteigerte . . . Na, ja, kommen wir langsam zu Nguyen Le, dem Instrumentalkollegen von Hendrix, der sich auf Purple (Act/Edel) einige Songs von Hendrix vorgeknöpft hat. Der Verblichene war ja auch ein begnadeter Stücke-und-Riff-Komponist, wodurch er auch als Objekt der Interpretation eine gute Figur macht. Seine Miniaturen haben Substanz. Sich über sie herzumachen, macht Sinn - zumal für Improvisatoren, denn das ist ja die alte Jazzmethode: Nimm ein bekanntes Lied und mach es durch deine Eigenheiten zu deinem Lied. So wurden viele Songs seit Charlie Parker zu so genannten Standards.

Le kennt die Tradition, ist aber auch ein interessanter Musiker des Heutigen. Als Sohn vietnamesischer Emigranten wurde er 1959 in Paris geboren. Er ist Autodidakt, landete irgendwann im Orchestre National de Jazz und bezirzt seit einigen Jahren mit eigenen Projekten, die zwischen Jazzrock und der Auseinandersetzung mit weltmusikalischen Stilen pendeln. Auch die vietnamesische Klangwelt spielt eine Rolle. Als Jimi beim Monterey Festival 1967 die Gitarre brennen ließ, war Le neun, als er in Woodstock die US-Hymne, Star Spangled Banner, verhöhnend zerzauste, war der Vietnamese erst elf, aber der Hendrix-Einfluss ist zugegen. "Für mich brennt jede Note in Hendrix' Musik. Alles, was er spielte, klingt für mich, als spielte er es zum letzten Mal. Es ist genau diese direkte, dringliche Emotion, die mich von Anfang an gepackt hat." Die lässt ihn auch hier natürlich nicht los, gerne begibt er sich auf den Pfad der Ekstase, verfügt natürlich über mehr Technik, als Hendrix jemals hatte, und landet im Bereich des Jazzrock. Das klingt für uns manchmal zu glatt, manchmal erreicht es indes auch schön-ekstatische Momente. Aber das wirklich Interessante ist natürlich dieser weltmusikalische Blick auf Hendrix, den Le riskiert, dem seine Mutter einst übrigens vietnamesische Volkslieder vorgesungen hat.

Die Songs in der Originalversion nur nachzuspielen, ist ja sinnlos. Sie sind sehr vom Hendrix-Sound abhängig. Das muss auch Le bei Purple Haze ein wenig schmerzvoll erleben. Aber "Voodoo Child" etwa landet bei ihm in Afrika, da erscheint der alte Rockkracher in einem interessanten Licht - Karim Ziad mit traditionellen Instrumenten wie Gambri und Aida Khann (Gesang) ist für das neue Flair zu danken. Überhaupt hat Le, was den Gesang anbelangt, alles der Damenwelt überlassen. Da erhebt auch Terri Lyne Carrington, eine der wenigen arrivierten Schlagzeugerinnen des Jazzgenres, ihre Stimme. Und auch Corin Curschellas führt uns bei This Stone From The Sun in poetische Bereiche. Le versteht sich auch auf süßliche Gitarrensounds, das Ganze ist also insgesamt von einer hörenswerten Seltsamkeit. Der Mann ist eben mehr als nur ein Saitenteufel, er blickt hinter die Instrumentalkulissen - auf die Möglichkeiten von Musik an sich. Wer sich in seine Kunst vertiefen will, dem sei etwa auch Tales from Viêtnam empfohlen, auch Weltmusik-orientiert. Weltmusik? Die ist Le grundsätzlich "eine neue Identität der Kinder der Diaspora, die sich aus den Strömungen des Jetzt und der Suche nach den ältesten Traditionen zusammensetzt." (Ljubsa Tosic, Der Standard/rondo/27/09/02)

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