Die digitale Ewigkeit

27. September 2002, 13:52
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Wer seine Bilder auch noch an die Enkelkinder weitergeben möchte, muss schon jetzt in seiner digitalen Schuhschachtel Ordnung schaffen

An Festtagen holt meine Mutter eine Schuhschachtel und ein paar vergilbte Kuverts aus dem Schrank, denn Fotoalbenkleben und Diaordnen war in der Familie nie sonderlich beliebt. Viele Jahrzehnte hat das System gut funktioniert, hat der kleine Bilderschatz einen Krieg und etliche Übersiedlungen überstanden und kann wahrscheinlich noch an die übernächste Generation weitergereicht werden, obwohl die frühen Farbbilder schon bedenklich verblassen.

Das Zeitalter der einfachen Ordnung geht dem Ende entgegen. So einfach die Bilder heute geknipst werden und so wenig der kostbare Augenblick eines aufwändigen Labors bedarf, um erhalten zu bleiben, so einfach gehen die elektronischen Dateien auch wieder verloren: versehentlich gelöscht, in der Unübersichtlichkeit gigabytegroßer Festplatten verloren, ein Opfer des nächsten PC-Upgrades oder eines Crashs mit fatalen Folgen.

Zwar lässt die digitale Fotografie Freunde und Familie auf wunderbare Art am fotogenen Moment teilhaben: das Bild von den ersten Babyschritten, kurz danach bereits verschickt oder ins Web gestellt, oder die Party vom Vortag, heute als digitales Album den Freunden zugestellt. Aber wer nicht von Anfang an Ordnung in die Bilderflut bringt, die dank Digitaltechnik stärker anschwellen wird als die aller Papierbilder zuvor, wird die Erinnerung an den besonderen Moment rasch wieder verlieren.

Das Programm, das in den vergangenen Monaten mein liebster Schuhschachtelersatz wurde, ist iPhoto von Apple. Viele Archivierungsversuche zuvor scheiterten: ein Ordner für jeden Anlass - lässt sich einige Zeit durchhalten, bis jede Übersicht verloren geht. "Eigene Bilder", dankbarerweise von Windows zur Verfügung gestellt - ab dem hundertsten Bild keine Chance mehr, das Original unter Dutzenden Bearbeitungen für verschiedene Anlässe wieder zu finden. Bildnamen, die Sinn haben - irgendwann geht die Fantasie aus.

iPhoto löst die Aufgabe mit wunderbarer Eleganz: Die Kamera angesteckt, werden neue Bilder auf Knopfdruck importiert und systematisch aufgehoben, wobei sich der Benutzer um die Systematik nicht kümmern muss. Jeder Durchgang erscheint wie eine "Rolle" Film im Bildbrowser, einfach chronologisch geordnet. Ein paar Dutzend Schlagworte stehen als Erinnerungshilfe zur Verfügung und werden per Mausklick einzelnen Bildern oder einer ganzen Serie zugeteilt - Urlaub, Feste, Familie, der Hund vom Nachbarn, ganz nach den subjektiven Ordnungskriterien des Fotografen.

Bei der späteren Bearbeitung und Präsentation der Bilder geht die Grundordnung nie verloren. Wenn man etwa einen Ausschnitt wählt, eine nieder auflösende Datei für den Mailversand herstellt oder Farbton und Kontrast ändert, bleibt das Original unangetastet. Jetzt kann man Fotoalben anlegen, indem man Bilder aussucht und mit der Maus in das neue Album zieht - die Originale bleiben dort, wo sie sind, das Album bleibt ein Datenbankeintrag. Ein Fotoalbum kann in wenigen Sekunden mit einer Tonspur versehen und als Diashow präsentiert werden - eine der schönsten Arten, Bilder gemeinsam anzusehen.

Dank der dahinter stehenden Ordnerstruktur, mit der alle Bilder (auch solche aus früheren Sammlungen, von CDs oder Scans) abgelegt werden, muss zur Datensicherung nur ein Hauptordner kopiert werden. So wachsen die Aussichten, dass die digitalen Erinnerungen Pannen und neue Computergenerationen überdauern.

Einige Programme leisten ansatzweise, was iPhoto zustande bringt. Zu meinen Favoriten gehört dabei Camedia Master von Olympus, eine Beigabe zu Olympus-Kameras oder um 50 Euro separat zu erwerben. Camedia Master bietet gute Möglichkeiten der Bildpräsentation von Diashows und gedruckten Fotoalben bis Webalben, aber es überlässt die dahinter stehende Ordnung dem Benutzer, nicht unbedingt ein Rezept gegen das digitale Chaos. Um rund 100 Euro gibt es Fotostation, ein Archivprogramm von einem norwegischen Hersteller, das bei Nikon-Kameras mitgegeben wird - erstklassig in Hinblick auf die Beschlagwortung von Bildern, gleichfalls jedoch von der Ordnung abhängig, die der Benutzer selbst schafft.

Von Helmut Spudich
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