Mitten ins Herz

27. September 2002, 11:36
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Stefan Sagmeister ist berühmt. Er hält nichts vom Hang seines Berufsstandes zur Anonymität. Lieber ist ihm voller Körpereinsatz

Amerikaner sind ja Leute, die mit der Badehose in die Sauna gehen. Nackt ist man nur in San Fernado Valley. Dort aber zum einzig legitimen, zum kommerziellen Zweck: Dort werden Pornos produziert. Stefan Sagmeister ist Vorarlberger. Er hat in Wien studiert. Er ist Grafiker. Er führt ein Design-Studio in New York. Immer wieder taucht er nackt auf seinen Plakaten auf. In Amerika erregt das Aufsehen. Immer noch, und immer wieder. Auch Selbstverstümmelung - es sei denn zur Optimierung von boobs and bottoms - ist gänzlich unamerikanisch. Während der Wiener Aktionismus in den Alpen schon zum Volksgut gerechnet wird, ist Chris Burdens kunstvoller 1971er Schuss in den eigenen Oberarm in der Heimat der schwer bewaffneten Unerschrockenen immer noch angstbesetzt.

Stefan Sagmeister eröffnete sein New Yorker Studio in nichts denn Socken: Auf der Einladungskarte gab es Sagmeister mit zwei verschiedenen Gemächtgrößen zur Auswahl. Zum Buch "Whereishere" ließ er sich den Titel in den sommersprossigen Rücken ritzen und steuerte ein Close-up seiner Hoden bei. Das Plakat zum Sagmeister-Vortrag am American Institute of Graphic Arts an der Cranbrook Academy of Art verkündet seine Thesen typographisch sehr frei ins bloße Fleisch geritzt. Hauptthese: "Style = Fart". Das Manifest existiert auch als Furzkissen. Und noch etwas macht Stefan Sagmeister wideramerikanisch: Die Sagmeister Inc., die CD-Covers für die Rolling Stones, für Lou Reed, David Byrne und Aerosmith liefert, besteht aus zweieinhalb Leuten: ihm selbst, einem Grafiker und einem Praktikanten. Und: Die Firma verordnete sich, als das Geschäft gerade am Höhepunkt war, ein Jahr lang Pause, akzeptierte keine Kunden. Stefan Sagmeister hat in dieser Zeit Übungen gemacht. Zum Beispiel über Monate hinweg täglich ein CD-Cover zur Musik seiner Wahl entworfen. Aufgabenstellung: darf höchsten drei Stunden dauern. Sein Grafiker machte sich derweilen selbständig. Und Stefan Sagmeister widmet mehr und mehr Zeit "der guten Sache". Etwa der Kampagne "Move your Money". Getragen von etwa 500 Leuten (darunter Ted Turner von CNN, Vertreter einiger Kirchen und sogar Ex-Militärs) versucht das Projekt, die amerikanische Regierung dazu zu bewegen, Geld für Militärausgaben für soziale Projekte umzuleiten. Sagmeister entwarf dafür visitkartengroße Rechenschieber: ein "Dreh", und schon werden aus den 17 Milliarden Dollar für 10.000 Nuklearwaffen 425.000 Lehrer.

Er ist jetzt 40, populär wie kaum je ein Grafiker, das MAK richtet ihm eine Retrospektive aus, eine Freundin hat er auch schon. Was will er noch? Mit einem LKW durch Sibirien fahren. Nach Sri Lanka ziehen. Und: "Touch somebody's heart with Graphic Design." (Der Standard/rondo/27.09/02)

Von Markus Mittringer
  • Aiga Detroit
    stefan sagmeister/mak

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  • Loud Reed, Set the Twilight Reeling
    stefan sagmeister/mak

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