von Clarissa Stadler
Als Salettl kostümiert

26. September 2002, 20:05
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Der Teppichboden schlägt Wellen. Besonders während der feuchten Wintermonate. Das lässt die dunklen Flecken auf dem gesprenkelten Braunton noch plastischer hervortreten. Früher war hier mal ein Holzboden. Aber früher war das auch keine Jausenstation, sondern eine Eventlocation des Kaisers, die an 365 Tagen im Jahr von einer Putztruppe, zusammengewürfelt aus aller Herren Kronländer, in Schuss gehalten wurde.

Seitdem haben sich mehrere Fettschichten auf das imperiale Interieur gelegt. Der Pavillon wurde irgendwann mit einer Außenwand verkleidet und als Salettl kostümiert. Aus der Küche weht eine Melange aus monarchistischer Folklore und sozialistischen siebziger Jahren, Eiskaffee und Tafelspitz. Über allem liegt der Duft von Schweineschmalz und das Geklimper des Pianisten.

Wer hier sitzt, hat sich möglicherweise her verirrt, durch das barocke Labyrinth hindurch, an messerscharf rasierten Buchsbaumhecken vorbei, über Kieswege entlang, unter von der Miniermotte befallenen Kastanienbäumen hinweg. Oder ist absichtlich gekommen, wegen der Pensionistenjause, Kaffee und Kuchen, drei Euro zwanzig, jeden Nachmittag zwischen drei und fünf. Bei schönem Wetter auf der Kiesterrasse, auf unzähligen wackeligen Stühlchen, an filigranen Tischchen, mit Blick auf die Gartenanlagen von einst.

Touristen hält es nicht lange an diesem Ort. Nach zwanzig Minuten geben sie auf. Der Kellner mag ihnen das eine oder andere Mal ein halbherziges Kommegleich hingeworfen haben, dann ist er wieder in der Küche verschwunden, auf unbestimmte Zeit. Wenn er nach einer Ewigkeit mit vollem Tablett zurückkehrt, muss er sich auf die Gäste konzentrieren, die schon länger warten, geschickt den Bedrohungen der zwei Damen ausweichen, die längst zahlen wollten und nachdenken, wer die zwei Apfelstrudel bestellt haben könnte, die auf dem Tablett übrig geblieben sind. (Der Standard/rondo/27/09/02)

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