UNO-Tribunal setzt Milosevic-Prozess fort

27. September 2002, 15:02
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Ex-Präsident weist Verantwortung für Massaker in Srebrenica zurück: Es sei von französischen Söldnern begangen worden

Den Haag - Der frührere jugoslawische Präsident Slobodan Milosevic hat am Freitag seine Verteidigungsrede vor dem UNO-Tribunal in Den Haag fortgesetzt. Die Richter hatten dem wegen Völkermordes in Bosnien und Kroatien Angeklagten am Donnerstag weitere 45 Minuten Redezeit zugestanden. Zuvor hatte sich der Ex-Regierungschef in einem Zwei-Stunden-Monolog als Verfechter des Friedens bezeichnet und die westlichen Länder als Kriegstreiber beschuldigt.

Milosevic muss sich seit Donnerstag vor dem Tribunal auch wegen Völkermords im Bosnienkrieg verantworten. In der Anklageschrift wird ihm dabei unter anderem die Ermordung von mindestens 7.500 Moslems bei Srebrenica zur Last gelegt. Die Morde seien von Truppen der bosnischen Serben ausgeführt worden, und er trage dafür letztlich die Verantwortung, heißt es in der Anklage.

Bei den Tätern habe es sich aber in Wirklichkeit um Söldner gehandelt, die nur bei den bosnisch-serbischen Streitkräften gewesen seien, behauptete Milosevic. Sie hätten nicht unter dem Kommando des bosnisch-serbischen Generals Ratko Mladic gestanden, sondern ihre Befehle vom französischen Geheimdienst erhalten. Die Bluttat sei das Ergebnis einer Vereinbarung von bosnischen Moslems mit Franzosen gewesen, sagte Milosevic am Freitag vor dem UNO-Tribunal in Den Haag. Das Treffen habe am 1. Juli 1995 stattgefunden. An der Besprechung mit Vertretern der Moslems habe auch der französische General Phillip Morrillon teilgenommen. Die Moslems sollen für ihre Bereitschaft zur Mitwirkung bei dem Plan zwei Millionen D-Mark erhalten haben, sagte der Angeklagte.

Die "Wahnsinnstat" sollte nach seinen Angaben den Serben in die Schuhe geschoben werden, um eine militärische Intervention der NATO zur Beendigung des Bosnienkonflikts zu rechtfertigen. Milosevic bezeichnete es als ausgeschlossen, dass Mladic oder sein General Radislav Krstic etwas mit der Bluttat zu tun hatten. Krstic, dessen Soldaten Srebrenica besetzt hatten, ist vom Tribunal zu 46 Jahren Haft verurteilt worden. Auch der weiterhin flüchtige bosnische Serbenführer Radovan Karadzic habe ihm versichert, nichts von Srebrenica gewusst zu haben, sagte der Angeklagte.

Heftige Angriffe richtete Milosevic am Freitag auch gegen Kroatien wegen der Situation vor und während der Loslösung aus dem früheren Jugoslawien 1991. Mehrere hunderttausend Serben seien damals Opfer so genannter ethnischer Säuberungen nationalistischer Kroaten geworden. Mit ausländischer Unterstützung habe die kroatische Führung unter Franjo Tudjman Serben verfolgt und getötet. Kroatiens Präsident Stipe Mesic soll in der nächsten Woche als Zeuge aussagen, kündigte der Ankläger am Freitag an.

Zum Abschluss seiner dreistündigen Stellungnahme wies Milosevic am Freitag empört die gegen ihn erhobenen Anklagen wegen Verbrechen in Bosnien und Kroatien zurück. Am Freitag wurde ihm zur Fortsetzung seiner Rede 45 Minuten eingeräumt. "Wir haben fünf Friedenspläne angenommen. Alle Welt schuldet uns Dank für unser Bemühen um Frieden", sagte er zu den Vorwürfen. In dem Prozess, der am 12. Februar begonnen hatte, ist bisher allein über Vorwürfe aus dem Kosovokrieg (1999) gesprochen worden.(APA)

  • Eine bosnische Muslimin verfolgt den Prozess gegen den ehemaligen jugoslawischen Präsidenten, Slobodan Milosevic, vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag. Sie ist eine Überlebende des Massakers an bosnischen Muslimen in Srebrenica im Jahr 1995.
    foto: epa/fehim demir

    Eine bosnische Muslimin verfolgt den Prozess gegen den ehemaligen jugoslawischen Präsidenten, Slobodan Milosevic, vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag. Sie ist eine Überlebende des Massakers an bosnischen Muslimen in Srebrenica im Jahr 1995.

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