SPD-Politiker denunzierte deutsche Emigranten

26. September 2002, 09:30
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ARD-Dokumentation lastet Herbert Wehner entscheidenden Beitrag zur Verfolgung und Ermordung vieler deutscher Kommunisten an

Berlin - Der SPD-Politiker Herbert Wehner (1906-1990) hat neuen Forschungen zufolge während seines Moskauer Exils für Stalins Geheimdienst NKWD deutsche Emigranten bespitzelt und denunziert. Nach Erkenntnissen der ARD-Dokumentation "Tödliche Falle - Herbert Wehner in Moskau 1937" haben Wehners Spitzelberichte entscheidend zur Verfolgung und Ermordung vieler deutscher Kommunisten beigetragen.

Der Film stützt sich auf Recherchen des Historikers Reinhard Müller vom Hamburger Institut für Sozialforschung. Müller sah in Moskauer Archiven bisher streng geheime Akten ein. Die Dokumentation von Inga Wolfram wird am 2. Oktober (23.30 Uhr) in der ARD ausgestrahlt. Wehner, früher KPD-Mitglied, war von 1969 bis 1983 SPD- Fraktionsvorsitzender im Bundestag.

"Kampf gegen trotzkistische Elemente"

Nach Darstellung des Historikers hat Wehner maßgeblich zur Entstehung eines Geheimbefehls des sowjetischen Ministers für Staatssicherheit, Nikolai Jeshow, beigetragen. Damit sollte der "Kampf gegen trotzkistische Elemente" innerhalb der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) geführt werden, die 1933 von Hitler verboten worden war. Tausende KPD-Mitglieder waren daraufhin in die Sowjetunion geflüchtet.

Nach Schätzungen von Müller wurden etwa 1000 deutsche KPD- Mitglieder verhaftet und vom sowjetischen Geheimdienst umgebracht. In seinen Berichten habe Wehner Dutzende von KPD-Mitgliedern namentlich genannt. Die Beweise gegen den SPD-Politiker seien erdrückend, sagte Autorin Wolfram. "Man kann Wehner leider nicht von Schuld freisprechen".

Echtheit bestätigt

Der Historiker und Publizist Klaus Harpprecht erklärt in der Dokumentation, dass Wehner die Folgen seiner Berichte hätte kennen müssen. Zu Wort kommt auch einer der führenden russischen Komintern-Spezialisten, der Historiker Alexander Watlin. Er bestätigt die Echtheit des von Müller im Original entdeckten Geheimdienstbefehls.

Der 1906 in Dresden geborene Wehner trat 1927 der KPD bei und arbeitete während der Nazi-Zeit im Untergrund. 1946 wurde er SPD-Mitglied und später einer der führenden sozialdemokratischen Politiker der Nachkriegszeit. (APA/dpa)

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    Herbert Wehner

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