Aufstand der Seibersdorf-Prüfer

25. September 2002, 20:23
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Aufsichtsratskritik an Reichholds "Überrumpelungstaktik" wird lauter

Wien - Gegen die von Noch-Infrastrukturminister Mathias Reichhold geplante Neubesetzung von zwei der drei Chefsesseln im Forschungszentrum Seibersdorf (ARCS) formiert sich Widerstand. Neben 49-Prozent-Eigner Industrie, einem Syndikat aus 51 Konzernen, wollen die "Überrumpelungstaktik" Reichholds auch einige vom Bund in das ARCS-Kontrollgremium entsandte Aufsichtsratsmitglieder nicht mehr mittragen.

"Die Vorgangsweise ist skandalös und für die beiden Geschäftsführer Günter Koch und Wolfgang Pell rufschädigend", sagte ein Aufsichtsratsmitglied zum STANDARD. Er werde der vom Minister vorgegebenen "fristgerechten Kündigung" und Neuausschreibung sicher nicht zustimmen, wenn nicht zuvor endlich die künftige strategische Ausrichtung vorgelegt und beschlossen werde, sagte der ARCS-Kontrollor, der nicht genannt werden wollte. Noch sei völlig unklar, ob die ARCS-Holding künftig eine reine Finanzholding oder eine operative sein werde. Daher sei die Bestellung neuer Geschäftsführer derzeit kontraproduktiv, man habe überdies bis Ende November Zeit.

Hintergrund der Aufregung ist die von Reichhold überraschend veranlasste Kündigung der im Frühjahr 2003 auslaufenden Verträge der beiden ARCS-Chefs, die von der Generalversammlung am Montag beschlossen werden soll - DER STANDARD berichtete. Eine sofortige Neuausschreibung hätte den Vorteil, dass der Minister noch vor der Nationalratswahl am 24. November neu besetzen könnte.

Aus FPÖ-Kreisen verlautet indes, der Minister favorisiere Berghold Bayer, den Leiter der Technologie- und Marketinggesellschaft des Landes Oberösterreich (TMG) als zweiten ARCS-Chef neben Vorstandssprecher Helmut Krünes. Die Neuausschreibung sei exakt auf Bayer zugeschnitten, heißt es. Bayer war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

"Eine professionellere Vorgangsweise und eine genaue Abstimmung mit dem Syndikat gemäß den Statuten", mahnt Knut Consemüller vom ARCS-Aktionär Böhler-Uddeholm ein. Der Vorwurf, die Industrie labe sich im ARCS auf Kosten des Bundes (mit 46 Millionen Euro ARCS-Hauptfinanzier), sei untragbar. (Luise Ungerboeck/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26. 9. 2002)

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