Ein schmutziger Wahlkampf

25. September 2002, 19:50
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Bei der serbischen Präsidentenwahl am Sonntag entscheiden 6,5 Millionen Wähler, davon 120.000 im Kosovo, ob sie Reformen wollen oder dem Nationalismus frönen werden.

Schüchtern, bescheiden und wie immer ein wenig verlegen schreitet Vojislav Kostunica auf die Bühne. Rund zehntausend Menschen auf dem Platz der Republik in Belgrad begrüßen ihn frenetisch. Er ist ihr "Erlöser", nur er kann sie von der drückenden sozialen Not befreien, nur er kann Serbien retten, die nationale Würde bewahren.

Sichtlich aufgeregt, mit bebender Stimme donnert Jugoslawiens Bundespräsident, der nun für das Amt des serbischen Präsidenten kandidiert: "Serbien ist hungrig, erniedrigt und zornig!" Die serbische Regierung und Premier Zoran Djindjic hätten die Macht "usurpiert" und sich "über Gesetze und Verfassung gestellt". Die Präsidentenwahl am 29. September sei nur ein Vorspiel für die viel wichtigeren vorgezogenen Parlamentswahlen. Serbien müsse entscheiden, ob es diese "absolutistische Regierung" tolerieren, oder ihr den Kampf ansagen würde. "Unsere Stärke liegt in unserem Willen und unserem Glauben an Serbien", predigt Kostunica.

Gerührt jubelt die Menge ihrem Präsidenten zu. Sie sehen vor sich einen "Gläubigen" stehen. In seiner Wahlkampagne stellt sich Kostunica als der Garant für einen Rechtsstaat, für ein "stolzes, freies und demokratisches" Serbien dar. Mit seinem wehmütigen Nationalismus appelliert er an alle "Unzufriedenen und Verarmten", die Serbien und das serbische Volk liebten, sich zu erheben und der Herrschaft von Djindjic und seiner "diebischen Regierung" ein Ende zu setzen, das "organisierte Verbrechen in Serbien" nicht länger zu dulden. "Serbien weiß es", steht auf den Wahlplakaten der Demokratischen Partei Serbiens unter dem Porträt von Kostunica.

In Serbien herrscht richtige Kampfstimmung. Die Wahlkampagne ist von Hasstiraden und schweren Beschuldigungen erfüllt. Man spricht von "Schicksalswahlen", einem "Plebiszit" für oder gegen die serbische Regierung, der Wahl zwischen einem "Rechtsstaat", den Kostunica verkörpern, und "Wirtschaftsreformen", für die sein Kontrahent Miroljub Labus stehen soll. Für beide würde der Sieg des anderen den "Untergang" Serbiens bedeuten.

Bundesvizepremier Labus ist formal ein unabhängiger Kandidat, doch hinter ihm steht Serbiens Regierung. Labus wollte seine Kampagne nicht mit dem im Volk unpopulären Premier Djindjic belasten und seine Gegner werfen ihm deshalb ein "doppeltes Spiel" vor.

In seiner Wahlkampagne stellt er Reformen in den Vordergrund und spricht vor allem junge Menschen an. Sein junges, energisches und oft arrogant wirkendes Team steht im krassen Gegensatz zu dem immer ein wenig träge wirkenden, ruhigen, nationalistisch geprägten, konservativen Kostunica.

Labus war der Schlüsselmann für die Wiederaufnahme Jugoslawiens in internationale Finanzinstitutionen. "Reformen haben keine Alternative", lautet sein Motto, Serbien habe keine Zeit zu verlieren, es müsse den Anschluss an Europa schaffen, bestellt der liberale Fachmann seinen Wählern und betont die internationalen Erfolge seines Teams, die Anerkennung der Weltbank für seine Leistung. Und Kostunica würde nur "schwätzen" und sonst gar nichts tun.

Weil im konservativen und nationalen Lager so viel Konkurrenz herrscht, hat Labus im ersten Wahlgang am Sonntag noch gute Chancen, als erster der elf Kandidaten durchs Ziel zu gehen. Im zweiten Wahlgang am 13. Oktober aber dürften die Milosevic-Treuen das kleinere Übel wählen und so für Kostunica stimmen.

Andrej Ivanji aus Belgrad
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    Präsident Vojislav Kostunica steht für den reformkritischen Nationalismus in Serbien

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