Klestil in Rom: "Freundschaft im Transit"

25. September 2002, 19:35
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Ein Kommentar von Christoph Prantner

Die Stimmung gelöst, der Umgang jovial - beim Besuch Thomas Klestils in Rom war das Maß bilateraler Freundlichkeiten kaum zu überbieten. Man sei einander persönlich genauso gut, beschied Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi seinem österreichischen Kollegen, wie die Menschen auf beiden Seiten des Brenners. Kammerpräsident Pierferdinando Casini sprach sogar von einer "historischen Freundschaft", die Italien und Österreich verbinde.

Warum es dann ganze 31 Jahre gebraucht hat, bis die Staatsoberhäupter zweier Nachbarländer einander wieder einmal zu Gesicht bekamen, bleibt im neuen Glanz der österreichisch-italienischen Sonnenscheinpolitik einigermaßen unklar. Am bekannten "andamento lento" beider Staatsbürokratien wird es wohl weniger gelegen haben als an Problemen, die beide Länder "historisch" eben nicht freundschaftlich verbinden.

Eines davon war (und ist) Südtirol. Beide Präsidenten sprachen vom beispielhaften Autonomiemodell für die Provinz Bozen. Tatsächlich ist die Entwicklung Südtirols im Vergleich zum Baskenland oder Nordirland eine Erfolgsgeschichte. Bloß: Die Decke des ethnischen Friedens ist dünn. Das zeigen die jüngsten Debatten um den Bozner Friedensplatz, den die Postfaschisten wieder in "Siegesplatz" umbenennen möchten. Vizepremier Gianfranco Fini, auch er derzeit ganz amikaler Staatsmann, soll noch diese Woche in Bozen eine Brandrede halten.

Ein zweiter Zwist ist die ungelöste Transitfrage. Italien hat sich bisher stets gegen einen neuen Transitvertrag oder eine äquivalente Nachfolgeregelung gewehrt. Die Brenner-Transversale ist für Italiens Wirtschaft von vitalem Interesse, die Frächterlobby (eines der größten Unternehmen dirigiert seine mehr als 1000 Lkw ironischerweise von Bozen aus) mächtig. Freundlichkeiten hören sich hier auf. Und so könnte sich auch die italienisch-österreichische Freundschaft im Transit befinden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.9.2002)

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