Schlechte Bilanz für öffentlichen Nahverkehr

25. September 2002, 19:23
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Arbeiterkammer fordert Generalverkehrsplan für Tirol und Verkehrsverbund mit Südtirol

Innsbruck - Ein Mitarbeiter der Uni Innsbruck wohnt in Branzoll, südlich von Bozen. Für die 100 Kilometer lange Bahnfahrt von Branzoll bis Brenner bezahlt er 1,91 Euro, die restlichen 35 Kilometer bis Innsbruck kosten 5,13 Euro.

Beispiele wie dieses hat Martin Stubenböck, Verkehrs-experte der Arbeiterkammer-Tirol, für einen Vergleich der Systeme des Öffentlichen Personen-Nahverkehrs (ÖPNV) von Tirol und Südtirol zusammengetragen: Bahntarife sind in Tirol bis zu siebenfach höher, in Bozen zahlen Pendler innerstädtisch nur halb so viel wie jene in Innsbruck, insgesamt liegen die Tarife der Öffis in Bozen zwischen 37 und 54 Prozent unter jenen in Innsbruck.

Während der Südtiroler Verkehrsverbund in den letzten sieben Jahren um 24 Prozent gewachsen ist, weiß Stubenböck von Rückgängen in Tirol um vier Prozent - kein Zufall, wie er meint. In den letzten Jahren sei die Zahl der Linien in Tirol von 177 auf 162, die Streckenlänge im ÖPNV um 20 Prozent gesunken. Veraltetes Wagenmaterial und teilweise schlecht koordinierte Fahrpläne kämen als alltägliches Ärgernis für die 85.000 Pendler hinzu.

AK-Präsident Fritz Dinkhauser ortet in der Tiroler Landespolitik die Hauptverantwortlichen für die Situation und fordert einen Generalverkehrsplan für den ÖPNV und einen Verkehrsverbund zwischen Tirol und Südtirol. Kritisiert wird von Dinkhauser auch, dass Tirol bei der Verteilung der Mittel für den ÖPNV vom Bund benachteiligt werde, alljährlich würden dem Land rund elf Millionen Euro entgehen. Bayern, Tirol und Südtirol würden sich überdies Mittel aus den reichlich gefüllten Strukturfondstöpfen der EU mangels gemeinsamer ÖPNV-Projekte entgehen lassen, ergänzt Stubenböck.

Beim Verkehrssymposium der AK "Grenzenlos unterwegs mit Bus und Bahn in der Europaregion Tirol" wurde von Walter Weiss, Bürgermeister von Naturns im Vinschgau, das Projekt der wiederbelebten Vinschger Bahn vorgestellt. Diese war von den italienischen Staatsbahnen 1991 eingestellt worden. Inzwischen hat das Land Südtirol 87 Millionen Euro investiert, und in knapp zwei Jahren wird die 60 Kilometer lange Strecke von Meran nach Mals wieder staufrei zu bewältigen sein. (hs/DER STANDARD, Printausgabe, 26.09.2002)

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