Theater- oder Biobauernhof- Ambitionen?

25. September 2002, 19:24
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Kindertheater in der Krise - Ein Streitgespräch

Um das Kindertheater in Österreich steht es schlecht. Thomas Birkmeir, neuer Direktor des Theaters der Jugend, und Stephan Rabl, Leiter des Festivals "szene bunte wähne", haben sich im Beisein Margarete Affenzellers deshalb den Kopf zerbrochen.


Wien - Im Großangebot der österreichischen Theaterlandschaft nimmt sich das Kinder-und Jugendtheater ganz und gar nicht vorteilhaft aus: Neben dem Theater der Jugend und punktuellen Festivals darbt die freie Szene zwischen Kommerz und Kinderkitsch. Seit Jahren erwarten Theatermacher die Errichtung des Kindertheaterhauses im Museumsquartier (KiT). Die für diesen September angekündigte Eröffnung musste erneut aufgeschoben werden.

STANDARD: Ist das ein Symptom dafür, wie Kulturpolitik mit jungen Menschen verfährt?

Rabl: Ja, die Lobby für Kinder und Jugendliche ist nicht groß. Und: Enscheidungsfindungen werden viel zu wenig öffentlich diskutiert. Z. B. scheint sich einzuzementieren, dass das KiT jetzt doch nur für Kinder bis zehn Jahre sein soll. Das ist absurd!

Birkmeir: Es ist wohl eine Frage des Geldes. Das merken auch wir am Theater der Jugend (TdJ). Unser Eigendeckungsbedarf beträgt 50 Prozent. Das hat Konsequenzen.

STANDARD: Welche?

Rabl: Wir müssen voll sein! Wir sind Besitztum von Stadt und Bund. Der Vorstand ist von den Eigentümern bestellt und ihm bin ich verantwortlich. Aber ich musste noch keine Restriktionen erfahren.

STANDARD: Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny sagte im letzten Herbst, es gäbe für das KiT kein Konzept.

Rabl: Es gibt ein inhaltliches Konzept. Das KiT soll sein/haben
a) ein Premierenhaus für die freie Szene
b) Eigen- und Koproduktionen
c) kein Ensemble
d) Gastspiele aus dem In- und Ausland sowie
e) Schwerpunktprojekte.
Ein Problem ist auch, dass österreichweit außerhalb kleiner Projekte eigentlich null passiert. Die Übernahmekosten von Produktionen sind enorm, weil sie nicht auf Tourneetheater ausgerichtet sind.

Birkmeir: Das Theater der Jugend ist ja auch schon eingeladen worden.

STANDARD: Wann?

Birkmeir: Herr Rabl hat den Törless zum "Schäxpir"-Festival in Linz eingeladen. Es ist nicht alles schlecht, was das Theater der Jugend macht! Nur: Es ist letztlich nicht leistbar. Das Theater der Jugend ist das einzige Theater in Österreich für junges Publikum, hinter dem eine eindeutige politische Willenskundgebung steht.

Rabl: Ja, das schon, aber es fehlt österreichweit an Konzepten. Auch vonseiten der Kulturpolitik. Es gibt kein Veranstalternetz, das adäquate Spielstätten bereithält und wo einen Tag lang aufgebaut werden kann. Das braucht Geld. Natürlich ist es einfacher, ein lustiges Einpersonenstück zu bieten, mit einem gschmackigen Titel.

Birkmeir: Es wird sehr viel Schindluder in dem Bereich getrieben. Zwei Clowns, die von Schule zu Schule ziehen, täglich dreimal spielen und einfach abzocken. Das führt zu dem Denken, dass Kindertheater so laut, so bunt oder so anspruchslos sein muss.

Rabl: In den Niederlanden ist man wie in allen Beneluxländern oder auch in Skandinavien, Frankreich, der Schweiz, Italien viel mehr gewöhnt, auf Tournee zu gehen, dort ist die Ensemblebildung ganz stark. Dieses System fehlt bei uns.

STANDARD: Wien ist eine Theaterstadt von Weltruf, aber in puncto Kindertheater ist Österreich Schlusslicht. Wie passt das zusammen?

Rabl: Ich glaube, Österreich will kulturell ein Repräsentationsland sein. Wir sind ein Land der Festivals, der großen Häuser; da ist auch eine Aufmerksamkeit und eine Energie vorhanden. Alles, was daneben passiert, im Experimentellen, in der freien Szene (ich kann gleich sagen: "Privatszene"), da steht man an.

STANDARD: Man differenziert offensichtlich zwischen Theater und Kindertheater?

Rabl/Birkmeir: Ja,

Rabl: Es hat auch mit der Geschichte zu tun. Das europäische Kinder- und Jugendtheater hat sich sehr stark in den 80er-Jahren entwickelt. In Österreich war ein Problem auch, dass das TdJ damals alles abgesaugt hat. Die Hälfte der restlichen alternativen Szene hätte anstelle von Theater auch einen Biobauernhof betreiben können, mich eingeschlossen. Viele hatten keinen künstlerischen Zugang. Es fehlt die Konfrontation.

Birkmeir: Das ist der Grund, warum das TdJ auch Regisseure aus dem "Erwachsenentheater" will. Man kann sich in der freien Szene ja auch nicht beleidigt zurückziehen und sagen: Niemand nimmt uns wahr. Und: Man muss gemeinsam auftreten.

Rabl: Wir sind dabei, eine diesbezügliche Plattform zu gründen. Man hat ja oft geglaubt, das Theater der Jugend hat mit der freien Szene nichts zu tun. Sondern es gehört zu den großen Theatern und dient dazu, dass das Publikum und auch die Schauspieler später in die großen Theater wechseln.

Birkmeir: Was auch so war! Siehe Nikolaus Ofzcarek oder Johannes Krisch.

Rabl: Ja, das ist wie im Fußball die "Unter-21-Mannschaft"!

STANDARD: Problematisch ist ja nur, dass ein Theater als Feigenblatt benutzt wird.

Birkmeir: Das geb' ich zu, aber wir können unsere Autoren wenigstens bezahlen. Wir arbeiten mit Schauspielschulen zusammen. Es traut sich ein Herr Bachler oder eine Frau Werner ja nicht, einem frischen Absolventen gleich eine große Rolle zu geben.

STANDARD: Es gibt ja Modelle von Theaterhäusern in Europa, die auf konsequente Weise Künstler aus dem Erwachsenenbereich mit Arbeiten für jüngeres Publikum betrauen.

Rabl: Wichtig ist, dass ein Ort existiert. Bei uns wird das projektweise gemacht, danach zerfällt es wieder. Da könnten TdJ und KiT eine Pingpong-Funktion übernehmen. In Belgien funktioniert das sehr gut, das Hin- und Herspringen verschiedener Künstler zwischen einem großen Haus und der freien Szene.

STANDARD: Kinder- und Jugendtheater wird großflächig als Sozialarbeit verstanden oder zumindest mit definitiv pädagogischem Hintergrund. Wo bleibt der Kunstgenuss?

Birkmeir: Na ja, didaktisch ist auch der Erwachsenenbereich. Außerdem halte ich das Wort "Kunstgenuss" für einen Spießerbegriff. Ich glaube nicht, dass es einen "Kunstgenuss" per se für Kinder geben kann. Meiner Erfahrung nach findet da reine Kunstbetrachtung nicht statt. Die rennen davon!

Rabl: Nein, da möchte ich widersprechen. Es hängt davon ab, ob ich ein Stück für Kinder machen will, oder ob ich grundsätzlich etwas zu sagen habe. Das Problem ist, dass es in Österreich zu wenig künstlerisch qualitative Produktionen gibt und auch keine Vermittlung! Lehrer sind überfordert, Kinder nicht konditioniert. Die Stücke des Berliner Grips-Theaters werden ja nur deshalb tausendfach nachgespielt, weil sie - vor allem in Schulen - so einfach zu verarbeiten sind.

Birkmeir: Der Normalfall ist, dass die zweite Garnitur der Schauspieler dann einmal ein Kinderstück spielt, oder der Regieassistent an das Weihnachtsmärchen herangelassen wird. Und dementsprechend schauen die Stück auch aus. Genau solche Stücke werden dann auch ausgezeichnet.

Start "szene bunte wähne" am 27. 9. in Horn/NÖ, (02982) 20 20-0
Eröffnungspremiere Theater der Jugend am 5. 10.,
"Amadé und Antoinette", (01) 521 10-0.
(DER STANDARD, Printausgabe, 26.9.2002)
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