"Preferisco il rumore di mare": Verfangen in den kleinen Lügen

26. März 2005, 23:53
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Ein Spielfilm als Familien- und Italien-Porträt: Mimmo Caloprestis "Preferisco il rumore di mare"

Wien - Am Grab seiner Mutter in Kalabrien sieht er Rosario (Michele Raso) das erste Mal: einen ernsten, schweigsamen, stolz wirkenden Burschen. Luigi (Silvano Orlando) folgt einer spontanen Regung und spricht ihn ein wenig verlegen an, sie wechseln ein paar Worte. Als Rosario in eine Schlägerei verwickelt wird, erinnert sich Luigi an diese Begegnung und veranlasst, dass er in Turin in ein Heim kommt und nicht ins Gefängnis.

Der Gegensatz zwischen Italiens Norden und Süden ist in Mimmo Caloprestis (La seconda volta) drittem Film stets unterschwellig präsent - als eine Frage des Temperaments, auch als eine der kulturellen Prägung: Preferisco il rumore di mare (zu Deutsch weniger ambivalent: Ich liebe das Rauschen des Meeres) - der Filmtitel dient Rosario am Ende als Antwort auf die Versuche eines Priesters, ihn zum Bleiben zu überreden. Doch da hat er endgültig genug vom Norden, von Luigi und seinem Sohn, von dem Milieu, in das er Einblick erhalten hat.

Der junge Südländer gibt Calopresti die Gelegenheit, auf sehr unspektakuläre, aber umso präzisere Weise einem kleinen Kreis an Figuren nahe zu kommen, deren momentane Verfassung zu studieren: Denn jeder, der Rosario begegnet, erhält Konturen - indem er sich von diesem absetzt oder erst einmal auf ihn reagieren muss. Wo Rosario die längste Zeit sehr direkt und aufrichtig bleibt, zeigen die Menschen um ihn Schwächen - sie geben ihre Gefühle nicht preis oder heucheln sie nur, und sie verfangen sich in kleineren Lügen.

Luigi - selbst ein aus dem Süden Zugereister, der es zu Wohlstand gebracht hat - hilft Rosario etwa weniger aus Mitleid; vielmehr scheint er in ihm Qualitäten zu sehen, die er selbst an sich bereits verloren glaubt. Obwohl er von seiner Frau getrennt lebt, versucht er seine neue Beziehung geheim zu halten. Zu seinem rebellischen Sohn Matteo (Paolo Cirio) dringt er nicht vor - in Rosario meint er nun, einen interessierteren Zuhörer für seine Meinungen gefunden zu haben. Auch Matteo sieht in ihm etwas, entwickelt eine eigenwillige Freundschaft zu Rosario - aber auch sie ist anfällig für Missverständnisse, zu unterschiedlich sind die beiden trotz ihres gleichen Alters.

Foto: Filmladen

Calopresti vermag diese Geschichte unaufdringlich, fast beiläufig zu entwickeln, erst im Finale erhält sie dramatischen Schwung. Bis dahin bleibt der Blick auf die Figuren nüchtern, beobachtend, und wie nebenbei berührt der Film vielfältige gesellschaftliche Themen - wie latente Klassenkonflikte, Wirtschaftskorruption oder auch überkommene Moralvorstellungen. Dabei wirkt Preferisco il rumore di mare keinen Moment lang thesenhaft. Calopresti verzichtet im Grunde sogar auf jeglichen Sympathieträger, selbst der aufgeschlossene Priester wirkt in seiner Jugendlichkeit angestrengt und Rosario manchmal nur rechtschaffen.

Wenn sich am Ende des Films, zwischen Weihnachten und Neujahr, aus scheinbaren Nebensächlichkeiten - da genügt schon eine unpersönliche Widmung auf der Weihnachtskarte - mit einem Mal größere Konflikte und Abgründe auftun, dann weiß man aufgrund der Vielzahl an Indizien längst Bescheid, warum. Und keine Person trägt Schuld daran, vielmehr wirkt sich ein ganzer Lebenszusammenhang aus. Davor ergreift Rosario schlussendlich die Flucht. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.9.2002)

Von
Dominik Kamalzadeh

OmU im Wiener Votivkino

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Filmladen Verleih
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