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25. September 2002, 22:41
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Deutschlands Techno-Großmeister DJ Westbam zeigt auf "Right On" dem Dancefloor die Zähne - Ein Extra-Bonus für das Nena-Comeback

Der deutsche Techno-Großmeister DJ Westbam entdeckt auf "Right On" nicht nur "die Zukunft der Vergangenheit" und zeigt dem Dancefloor mit Songs die Zähne. Auch Neue-Deutsche-Welle-Sternchen Nena feiert mit ihm ein würdiges Comeback.


Wien - Wie der deutsche DJ und Journalist Tobias Thomas einmal so schön bemerkte: "Hätte Techno eine Bundesliga, dann hieße Westbams Disco Bayern München."

Der heute 38-jährige Maximilian Lenz alias DJ Westbam, Mitbegründer der Berliner Love-Parade, ist nicht nur Betreiber des Techno-Labels Low Spirit und Erfinder der ersten deutschen Rave-Großveranstaltungsreihe Mayday. Diese führt seit gut zehn Jahren die ehemaligen Underground-Sounds aus Kellerclubs in die Sportstadien.

Trotz des mit großen Klötzen im Geschäft hantierenden Westbam ist der Mann aus dem westfälischen Münster abseits seiner Rolle als Herrenreiter des deutschen Dancefloor aber ab und an immer noch für überraschende Spielzüge gut - so wie er es vor einigen Jahren mit seiner an den 70er-Jahre-Electro-Punk der New Yorker Gründerväter Suicide erinnernden Blockbuster-Single Beatbox Rocker unter Beweis stellte.

Dank dem dicken finanziellen Polster, der ihm seit seinen ersten Singles 17 - This Is Not A Boris Becker Song oder Disco Deutschland von Mitte der 80er-Jahre herauf mittels immer höher dotierter Gastspielreisen quer über den Globus gestopft wird, liegt der Mann im Geschäft so daunenweich auf der Sonnenseite, dass er sich nicht nur mit bis ins Jahr 2049 uneinbringlichen Bonusflugmeilen herumärgern muss.

Der schicke Lifestyle, inklusive Intellektuellenbonus, den ihm literarische Freunde wie Rainald Goetz verschaffen, mit dem der sonst eher in die Bauchregion zielende Westbam 1997 beim "kopflastigen" Berliner Merve Verlag die Textsammlung Mixes, Cuts & Scratches veröffentlichte, ermöglicht ihm auch eines: Das eng gewordene Korsett des Techno wird mit großer Gelassenheit gesprengt.

Zwischen der wahren instrumentalen, also unterstellt "inhaltsleeren" Lehre von Techno und der sich mit obsolet gewordenen Bestandteilen wie Text und Gesang aufhaltenden Verkaufshitparade mit dem Nummer-eins-Hit Sonic Empire aus 1997 liegen bis dato sieben Alben und gut 50 Maxisingles Wegstrecke zwischen allen Stühlen.

Wizard of Techno

Hier werden zwischen Clubavantgarde und Großraumdisco aus ganz pragmatischen Gründen keine Trennlinien gezogen. So veröffentlichte Westbam in diesem Zusammenhang vor zehn Jahren auch die damals heftig angefeindete Techno-Coverversion Somewhere Over The Rainbow von DJane Marusha auf seinem Label, den bis heute einzigen Millionenhit des Techno. Das sollte dank zahlloser Kopisten übrigens bald zu schlimmeren Ergebnissen wie Blümchen führen, die auch heute noch aus den Autos der Vorstädte dringt.

Wie er jüngst auch in einem Interview mit der deutschen Zeitschrift Max zum Entsetzen vieler kundtat, verwahrt er sich nicht nur gegen jede öffentliche Förderung in sämtlichen Sparten der Kultur von der Bühne über den Konzertsaal bis in den Club. Künstlerische Äußerungen von Belang würden sich über kurz oder lang ohnehin immer beim Publikum durchsetzen. Wie besagt schon die alte Musikerweisheit: Rock 'n' Roll must pay itself.

Dies dürfte nicht nur im fortschrittlichen deutschen Stadttheater, das sich an Schließtagen seit einiger Zeit gern mit Techno-Abenden schmückt, um "neue Publikumsschichten" anzusprechen, für mildes Entsetzen gesorgt haben. Auch sein neues Album Right On belegt eine biografisch aus dem Punk kommende Haltung, sich um diverse Verhaltensmuster und Erwartungshaltungen einen feuchten Kehricht zu scheren.

Westbam entwirft auf Right On zu knochentrockenen, zeitlos auf die 80er-Jahre verweisenden und elegant gesetzten, nichtsdestotrotz zwingenden Electro-Beats nicht nur großmundig einen aktuellen "Weltaufstandsplan", eine "Disco im eigenen Kopf". Die braucht offensichtlich aus Gründen des allgemeinen Älterwerdens nicht mehr unbedingt eine geografische Manifestation des Tanzbodens.

Mit Gästen wie Jan Delay von den linken Hamburger Rappern Absolute Beginner und der Neue-Deutsche-Welle-Überlebenden Inga Humpe (Neonbabies, heute Zwei-Raum-Wohnung) wird auch darauf verwiesen, dass Modernität nicht unbedingt mit aktuellen Moden zu tun hat.

Wie singt Nena, die alte Heldin der "Generation 99 Luftballons", auf der programmatischen Single Oldschool, Baby so bezaubernd naiv: "Wir sind die Zukunft der Vergangenheit, wir sind der Augenblick, der immer bleibt." (DER STANDARD, Printausgabe, 26.9.2002)

Von
Christian Schachinger
  • DJ Westbam, der 38-jährige Techno- Gründervater aus Deutschland, sieht seine Zukunft derzeit in der musikalischen Vergangenheit verankert: "Disco im kopf"
    foto: low spirit/bmg

    DJ Westbam, der 38-jährige Techno- Gründervater aus Deutschland, sieht seine Zukunft derzeit in der musikalischen Vergangenheit verankert: "Disco im kopf"

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    foto: low spirit/bmg
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