Warum kaum noch Nobelpreisträger aus Österreich kommen

30. September 2002, 11:48
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Soziologe verglich die Lebensläufe von einheimischen und ausländischen Preisträgern - Akademiker sehen unterschiedliche Ursachen

Wien - Warum ist Österreich von einer Spitzenposition im Anteil der Nobelpreisträger auf einen hinteren Platz zurückgefallen? Diese Frage hat der Grazer Soziologe Max Haller in seinem neuen Buch "Karrieren und Kontexte - Österreichs Nobelpreisträger und Wissenschafter im historischen und internationalen Vergleich" untersucht, das Dienstag Abend in Wien präsentiert wurde. Bei einer anschließenden Podiumsdiskussion warnte der Rektor der Uni Wien, Georg Winckler, davor, die Universitäten nach "singulären Ereignissen" wie der Nobelpreisvergabe zu beurteilen.

Ursachensuche

Tatsache sei aber, so Winckler, dass man in Österreich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten zu wenig ergebnisorientiert gearbeitet habe. Mit dem neuen Universitätsgesetz, das u.a. Leistungsverträge und Evaluationen vorsieht, sollte sich das Blatt aber wieder wenden, ist der Rektor überzeugt. Als Hauptgrund für die geringe Zahl an Nobelpreisen für heimische Forscher nach dem Zweiten Weltkrieg nannte Winckler den "intellektuellen Aderlass" während der Nazi-Zeit. Auch habe man nach 1945 zu wenig versucht, vertriebene Spitzenforscher wieder nach Österreich zurück zu holen.

Für ÖVP-Wissenschaftssprecherin Gertrude Brinek sind Massenunis und mangelnde Spitzenförderung Hauptursachen für diesen Umstand. Man habe viel in die Breiten-, aber zu wenig in die Spitzenförderung investiert. Durch die große Anzahl an Studenten gebe es immer weniger das so genannte Mentorensystem, in dem ein Professor einen oder mehrere Studierende unter seine Fittiche nimmt, bemängelte Brinek. In der derzeitigen Masse an Studenten hätten echte Talente für wissenschaftliche Spitzenleistungen kaum die Möglichkeit, entdeckt zu werden.

Demokratie als "Unglück"?

Auch für Klaus Ehrenberger, Vorstand der Uni-Klinik für Hals-, Nasen und Ohrenkrankheiten am Wiener AKH, haben die Entwicklungen in den sechziger und siebziger Jahren an den Universitäten wenig dazu beigetragen, Spitzenleistungen zu fördern. Namentlich das Universitätsorganisationsgesetz von 1975 bezeichnete Ehrenberger als "Unglück". Demokratie auf allen Ebenen und eine ausufernde Verwaltung hätten die wissenschaftlichen Leistungen in den Hintergrund gedrängt.

Für mehr Nachwuchsförderung plädierte Ada Pellert, Vizerektorin der Universität Graz. Wenn die Studenten mehr Wahlmöglichkeiten hätten und kreativere Bedingungen vorfänden, würden Massen- und Spitzenuni einander nicht ausschließen. Sie sprach sich auch für "differenziertere Unis" aus, es müssten nicht alle gleich behandelt werden.

Lebensläufe

Haller hat für seine Studie, die er bereits Anfang Juli beim Weltkongress für Soziologie in Brisbane (Australien) vorgestellt hat, die Lebensläufe von elf österreichischen Nobelpreisträgern untersucht und systematisch mit jenen von elf österreichischen Forschern und elf ausländischen Nobelpreisträgern verglichen. Dabei zeigte sich u.a., dass von allen drei untersuchten Gruppen nur die ausländischen Nobel-Laureaten zum Teil auch aus Arbeiter- oder Bauernfamilien stammten, während die Österreicher ausschließlich aus Mittel- und Oberschichten kommen. Hallers Schluss daraus: "Die enorme Bildungsexpansion der letzten Jahrzehnte hat offenbar nicht zu einer entsprechenden Verbesserung der Chancengleichheit und zur Herausbildung einer neuen Bildungs- und Wissenschaftselite geführt, die jene ersetzen könnte, die Österreich früher einmal besaß."

Verantwortlich dafür sind für den Soziologen das zweigliedrige Schulsystem, das schon im Alter von zehn Jahren in AHS und Hauptschule sortiere und dadurch viele Talente ungenutzt lasse, sowie unzureichende Bemühungen zur Erkennung und Förderung von Begabungen. Weitere Hemmnisse für wissenschaftliche Spitzenleistungen ortet Haller in der internen Organisation der Unis, etwa die Belastung der Uni-Lehrer mit forschungsfremden Aufgaben. (APA)

"Karrieren und Kontexte - Österreichs Nobelpreisträger und Wissenschafter im historischen und internationalen Vergleich" von Max Haller mit Birgit und Margot Wohinz,
Passagen Verlag, 456 Seiten
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    montage: derstandard.at
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