Nietzsches Privatbibliothek durch Säurebefall gefährdet

25. September 2002, 09:53
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Bestand gilt unter Experten als besonders interessantes Beispiel einer Schriftsteller-Bibliothek des 19. Jahrhunderts - Kostspielige Restaurierung notwendig

Weimar - Die rund 1200 Bücher umfassende Privatbibliothek Friedrich Nietzsches (1844-1900) in Weimar ist durch Säurebefall stark gefährdet. "Seit 2001 arbeiten wir an einem Erhaltungskonzept" sagte der Direktor der Herzogin Anna Amalia Bibliothek Weimar, Michael Knoche. Alle Bücher würden bis Ende dieses Jahres im Zentrum für Bucherhaltung in Leipzig auf ihre Schäden untersucht und für jedes einzelnes ein Rettungsweg erarbeitet.

Die Stiftung Weimarer Klassik ist bis zu diesem Mittwoch Gastgeber einer internationalen Tagung zu Gebrauch und Wirkungsgeschichte der Nietzsche-Bibliothek. Der Fundus, seit einigen Jahren für die Öffentlichkeit gesperrt, gilt unter Experten als besonders interessantes Beispiel einer Schriftsteller-Bibliothek des 19. Jahrhunderts. Forscher müssen seit 1995 mit Filmaufnahmen vorlieb nehmen. Zum Schutz wurden die Bücher in maßgefertigte und säurefreie Kartons verpackt.

Prekäre Situation

"Die Situation ist nach der Verfilmung jedoch noch prekärer geworden", sagte der Literaturwissenschaftler. Das Papier werde durch den hohen Säuregehalt brüchig und zerbrösele regelrecht. Neben schweren Einbandschäden seien auch die Seiten extrem betroffen.

"Das Säureproblem bei Büchern stellt sich erst mit Beginn der industriellen Papierherstellung nach 1850 ein", erklärte der Bibliotheks-Chef. Der seitdem zur Produktion verwendete Holzschliff fördere die Säurebildung. "Bei Nietzsche wird alles noch dramatischer, da er seine Bücher selbst extrem genutzt und strapaziert hat", sagte Knoche. Auf rund 18.000 Seiten haben die Wissenschaftler Lesespuren ausgemacht, darunter zahlreiche Anstreichungen und Randbemerkungen. "Der Dichter hat seine Bücher mit auf Reisen genommen und nicht in einen Bücherschrank gestellt."

Der Direktor der renommierten Anna Amalia Bibliothek rechnet mit einem Betrag in sechsstelliger Euro-Höhe, um die Kostbarkeiten restaurieren zu können. Ab 2003 sollen die ersten Bände behandelt werden. "Woher das Geld dafür kommt, ist noch ungeklärt." Neben Eigenmitteln und Geld aus dem Johann-Heinrich-Meyer-Fonds soll auch Hilfe von Stiftungen und privaten Sponsoren kommen. "Wahrscheinlich müssen wir uns Schritt für Schritt die schlimmsten Fälle vornehmen."

Es zeichneten sich drei verschiedene Restaurierungsmethoden ab: Die Einbandreparatur, die gemeinsame Entsäuerung von vielen Büchern gleichzeitig und die aufwändige und kostspielige Restaurierung jeder einzelnen Seite. Dies sei vor allem bei stark brüchigem Papier notwendig. "Eine Seite kostet allerdings vier Euro", sagte Knoche. Nach der Restaurierung soll die Nietzsche-Bibliothek nicht nur Forschern offen stehen, sondern auch als Schaubibliothek zu sehen sein. "Wo das allerdings sein wird, ist noch nicht klar", sagte der Bibliothekar. (APA/dpa)

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    Friedrich Nietzsche

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