"Operation Spring": Einige Urteile wackeln

24. September 2002, 19:57
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Neuauflage von Verfahren möglich

Wien - Es wird dünn. Der als "Operation Spring" in die heimische Polizeigeschichte eingegangene schwere Schlag gegen die Drogenkriminalität könnte sich als noch leichtere Watschen erweisen als vermutet. Nach dem nun gefällten Freispruch über den zuvor vom Richter als "Massenmörder unserer Jugend" bezeichneten Emmanuel C. könnten etliche Verfahren neu aufgerollt werden: Ein Belastungszeuge hat seine Aussagen widerrufen - nicht nur gegen C.

Wie berichtet, galt C. als führendes Mitglied jener Drogenbande, die im Frühjahr 1999 in der Spring-Aktion zerschlagen worden war. Im Mai 2001 wurde der Nigerianer zu neun Jahren Haft verurteilt, weil er kiloweise Heroin und Kokain in Verkehr gebracht haben soll. Vor kurzem wurde er im zweiten Rechtsgang freigesprochen. Die Staatsanwaltschaft berief freilich, das Urteil ist nicht rechtskräftig.

Emmanuel C. war von einem selbst verdächtigen Schwarzafrikaner, den die Polizei als "anonymisierten Zeugen" AZ 3000 geführt hatte, belastet worden. In der nunmehrigen Verhandlung fiel AZ 3000 laut Verteidiger Lennart Binder jedoch um: "Der Deal, den er eingegangen sei, habe nicht so funktioniert, wie er es sich vorgestellt hat. Deshalb fühle er sich nicht mehr an seine Abmachungen mit der Polizei gebunden."

Wie Binder dem STANDARD Dienstag weiters mitteilte, hat AZ 3000 seine belastenden Aussagen nicht nur gegen C. zurückgenommen, sondern auch gegen eine Reihe weiterer Personen. Insgesamt waren nach der Operation Spring 118 Personen angeklagt, ein Großteil davon bisher zu insgesamt 450 Jahren Haft verurteilt. Sollte der Freispruch über Emmanuel C. rechtskräftig werden, müssten laut Binder einige Verfahren wieder aufgenommen werden.

"Die Staatsanwaltschaft wartetet jetzt den Ausgang des Verfahrens ab", erklärte dazu Frederick Lendl, Sprecher des Gerichts. "Dann liegt es an ihnen oder an den Anwälten der Betroffenen, eine Wiederaufnahme zu beantragen." Über den beeinspruchten Freispruch dürfte erst kommendes Jahr entschieden werden. So lange bleiben alle in Haft.

Für Terezija Stoisits, Grünen-Justizsprecherin, zu lange. Sie forderte Justizminister Dieter Böhmdorfer Dienstag auf, Sorge zu tragen, dass sämtliche Verfahren sofort neu aufgerollt werden. (red/DER STANDARD, Printausgabe, 25.9.2002)

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