US-Doktrin für Freunde

24. September 2002, 18:41
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Was hat Schröder eigentlich getan, um den Zorn der Amerikaner auf sich zu lenken?

Ein "hohes Maß an Arroganz" hat Unions-Kandidat Edmund Stoiber Gerhard Schröder wegen dessen Kritik an der amerikanischen Irak-Politik vorgeworfen. Doch die unbestrittene Überheblichkeit des Kanzlers wird nun von der amerikanischen Reaktion auf seinen Wahlsieg in den Schatten gestellt. Dass George W. Bush dem deutschen Wahlsieger nicht gratuliert und seine Anrufe nicht entgegennimmt, das Verteidigungsminister Donald Rumsfeld seinem deutschen Kollegen Peter Struck bei einer Tagung ostentativ aus dem Weg geht - das übersteigt bei weitem die üblichen Methoden, um eine Verstimmung zwischen Verbündeten zu signalisieren.

Was hat Schröder eigentlich getan, um den Zorn der Amerikaner auf sich zu lenken? Er hat - zugegebenermaßen zu oft und zu laut - eine deutsche Beteiligung an einem Militäreinsatz ausgeschlossen, um die ohnehin niemand gebeten hat. Und er hat jene Kriegspläne kritisiert, die auch in den USA selbst umstritten sind. Dass er damit eine Wahl gewonnen hat, können ihm die Republikaner, die etwa ihre Kuba-Politik rein wahltaktisch ausrichten, kaum vorwerfen. Schröder selbst hat dabei nie die Grenze zum offenen Antiamerikanismus überschritten. Als seine Justizministerin dies tat, hat er sie ohne Zögern gefeuert.

Die Reaktion der USA zeigt, dass Washingtons neue Doktrin des aggressiven Unilateralismus für Freunde genauso gilt wie für Feinde. Hier soll ein aufmüpfiger Verbündeter durch öffentliche Demütigung in die Schranken gewiesen werden und für die anderen europäischen Staaten ein Exempel statuiert werden, dass man Amerika nicht kritisieren darf.

Doch diese Taktik wird nicht aufgehen. Mit Ausnahme der Briten ist Berlin den anderen EU-Partnern näher als Washington. Wenn die USA Schröders Friedensangebote ignorieren, schwächen sie das Bündnis und zimmern genau an jener antiamerikanischen Front, die sie eigentlich verhindern wollen. (DER STANDARD, Printausgabe, 25.9.2002)

Eric Frey
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