Kartografen im Land des Konsums

24. September 2002, 19:58
posten

Wie Theaterdenker den schleichenden Bedeutungsverlust der Bühnen erleben

Wien - Vor bald dreißig Jahren bestimmten Oskar Negt und Alexander Kluge in einem Buch, dick wie ein Ziegel, die "Öffentlichkeit" als jene Sphäre, die im Knüpfen eines möglichst lückenlosen Netzes von Institutionen unsere gesellschaftliche "Erfahrung" prägt.

Natürlich standen "bürgerliche" Institutionen damals unter dringendem Ideologieverdacht. Aber niemals wäre ein Soziologe auf die Idee gekommen, dass sich irgendwann einmal immer weniger Menschen für das Theater interessieren könnten.

Noch berichten die heimischen Bühnen, mit Mitteln allesamt wohlversehen, über befriedigende Auslastungszahlen. Aber der Verlust an öffentlicher Geltung zehrt bereits spürbar an den Geschwisterbetrieben in Deutschland und in der Schweiz. Schiller-Fragen werden im "Millionenquiz" ("Aus welchem Stück stammt folgendes Zitat...?") von den Kandidaten mit spürbarem Ärger quittiert: Bildung, die keinen Zugang zu raschem Konsum verheißt, wird immer öfter als Ballast betrachtet.

Damit öffnet sich ein ganzes Feld von Fragen: Müssen sich die Theater darauf gefasst machen, bald eine Minderheit mit Tröstungsangeboten zu versorgen? Welche Auswirkungen zeitigt das Verkümmern passiver Fähigkeiten? Genauer noch: Wird das Theater in den "Katakomben", im Untergrund der Kulturindustrie verschwinden? Und wie begegnet man der Abnahme von Fertigkeiten, die das Verstehen einer Aufführung erst ermöglichen? Wie will ein Vertreter der "Spaßkultur" einem klassischen Blankvers überhaupt noch folgen?

Joachim Lux und Wolfgang Wiens vom Burgtheater sehen zur Besorgnis keinen Anlass. Ihr Credo: "Das Theater ist neben der Kneipe oder dem Café einer der wenigen Orte gesellschaftlicher Kommunikation, neben der Kirche der vielleicht einzig verbliebene sakrale Raum, und das erotischste Bordell, das man sich vorstellen kann. Was ist schöner als ein sich lüftender Vorhang?"

Prosaischer Nachsatz: "Dass Politiker - besonders in Deutschland - Theatern sparwütig Subventionen entziehen, um sie über den Umweg so genannter 'Wirtschaftsförderungstöpfe' Musicals in den Hintern zu blasen, erzählt viel über die Verkommenheit der Politik. Dass die gleichen Akteure in ihren Sonntagsreden den Verfall der Kultur und die Gefahren der Kommerzialisierung beschwören, ist von beispielloser Lächerlichkeit."

Auch Matthias Fontheim, deutscher Direktor des Schauspiels in Graz, demonstriert Beharrungsvermögen: "Wenn begonnen wird, Theater ausschließlich im Zusammenhang mit 'Markt' und 'Kaufkraft' zu betrachten, kann ich darauf nur antworten, dass wir ja alle inzwischen wissen, dass der freie Markt auch nicht die Lösung aller Probleme ist - eher im Gegenteil." Geltungsansprüche müsse man hochhalten: "Ich bin vielleicht noch so ein Fossil, das Theater immer noch als integralen Bestandteil einer Gesellschaft sieht, die es abzubilden gilt."

Gerhard Willert vom Linzer Landestheater blickt unverwandt auf die Utopie: "Man soll in einer Aufführung nicht etwas verstehen, sondern sich vielmehr fragen, womit sie funktioniert, in Verbindung womit sie Intensitäten eindringen lässt oder nicht. Die Aufführung ist ein Gefüge, sie hat nichts mit Ideologie zu tun, es gibt keine Ideologie, und es hat nie eine gegeben." Die Aussicht: "Theater machen hat nichts mit Bedeuten zu tun, sondern damit, Land - und auch Neuland - zu vermessen und zu kartografieren." (DER STANDARD, Printausgabe, 25.9.2002)

Von Ronald Pohl

Siehe auch

Der brutale Schlag ins Theater-Kontor
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Mischt Linz mit "Intensitäten" auf: Linz' Schauspielchef Gerhard Willert

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Musste um Publikumsgunst kämpfen: Matthias Fontheim, Direktor in Graz

Share if you care.