Der brutale Schlag ins Theater-Kontor

25. September 2002, 19:56
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Rauswurf und Folgen: Österreichische Dramaturgen diskutieren über die Krisenzeichen im bürgerlichen kulturellen Selbstverständnis

Ist die drohende Vertreibung von Christoph Marthaler aus dem Zürcher Schauspielhaus mehr als nur ein Lehrstück über angebliche Schweizer Rückständigkeit? DER STANDARD befragte heimische Macher und Dramaturgen nach Krisenzeichen im bürgerlichen, kulturellen Selbstverständnis.


Wien - Als eines schönen Augustmorgens die Verwaltungsräte des Zürcher Schauspiels aus einem traumlosen Schlaf erwachten, mussten sie vergessen haben, wozu sie sich ein Theater leisteten. Sie waren über den Stehpulten in ihren marmornen Kontoren eingeschlummert, über den Listen, in denen Soll und Haben streng getrennt verzeichnet stehen.

Im Rechnungsbuch lag zwar ein hochglänzender Ausriss, auf dem, mit Filzstift angestrichen, "Wichtig: Bühne des Jahres in Theater heute!" geschrieben stand. Ansonsten nur eine Flut von Rechnungszetteln und Architektenhonoraren - Notauszahlungsbelegen, Vorgriffen auf noch nicht gezeichnete Abonnements.

Weit und breit kein Schwyzer Rappen in der Lade. An der Wand des Kontors das Bild des weltberühmten Intendanten: Christoph Marthaler mit seinem unvergleichlich frohgemuten Lächeln, ein Meister in der Anbahnung traumähnlicher Theatersternstunden.

Diese wollten immer mehr Kulturtouristen sehen, aber immer weniger ortsansässige Kantönli-Bürger. Die Abonnentenzahlen gingen zuletzt von 1700 auf 1200 herunter. Die Zürcher, die in ihr Theater einzuzahlen gewohnt waren wie auf ein stadteigenes Wohltätigkeitskonto, das anonym überschrieben ist mit: "Kulturgenuss und Sicherung von Tradition", wurden plötzlich, über Nacht, an ihrer eigenen, durchaus hochmögenden Zahlungswilligkeit irre.

Sie hängten das Marthaler-Porträt, mit seinen Rotweinflecken und reißerischen Parolen ("Wir haben ein Bedürfnis nach Stoffen jenseits subjektiver Befindlichkeit!"), einfach von der Wand ab. Jetzt befindet sich Zürich, ansonsten gesinnungsbieder und keimfrei wie nur ein Banksafe, in hellem Aufruhr: Marthaler muss bleiben! Aus den Kontoren tönt es: Dreieinhalb Millionen Franken müssen her!

Kein aufrechter Feuilletonist, der nicht aus der sicheren Deckung seines Schreibtischs über den krassen Unverstand des Zürcher Phäaken-Volkes gehöhnt hätte: Der etwas wunderliche Klassenerste wird vom Schauspielhaus am Pfauen relegiert! Man wittert Unverstand und Ranküne; schilt das Geldbürgertum "Pfeffersäcke"; geißelt die Weigerung der ansässigen Bourgeoisie, sich anständig, das heißt: kulturindustriell zu modernisieren und an den Künsten von Stefan Pucher, Jossi Wieler oder Christoph Schlingensief genießerisch Anteil zu nehmen.

Die Sachbeauftragten in allen Modernisierungsfragen hocken in den Stadttheatern, die auch Fantasie-Brutstätten sind, meist unter dem Dachfirst. Die Dramaturgen sagen im Verein mit ihren Intendanten, was gespielt wird. DER STANDARD bat, nicht nur unter dem Eindruck der Zürcher Ereignisse, ein paar der wichtigsten heimischen Theaterköpfe um bedankte, aber unbezahlte Nachdenkarbeit - was ist, wenn überhaupt, faul im Stadttheatergetriebe, wenn mit Hinweis auf stagnierende Etats die schönsten Kunstanstrengungen an der Wirklichkeit zuschanden gehen?

Wohin mit privat?

Genauer noch: Gerät das Theater als Medium bürgerlicher Selbstverständigung aus dem Blick? Reicht angesichts des Zerfalls unserer Gesellschaft die Verpflichtung der darstellenden Künste auf das Gute, Wahre und Schöne noch aus? Schwinden die Werte, auf die sich die Bürgergesellschaften früher ohne Not einigen konnten? Wolfgang Wiens und Joachim Lux, beauftragt mit Qualitätssicherung am Standort Wiener Burgtheater, widersprechen lebhaft: "Das 'Gute, Wahre und Schöne' ist eine bildungsbürgerliche Maxime, die für das Theater nie gegolten hat. Seit seiner Entstehung in der griechischen Antike erzählt das Theater vom Schlechten, Verlogenen und Hässlichen des Menschen. Und es besteht fort, weil die Katharsis ausgeblieben ist: 'Denn die Verhältnisse, die sind nicht so.'"

Karl Baratta, Dramaturg im Wiener Volkstheater, sieht das Publikum "im Aufbruch: Auf sein bürgerliches Selbst kann man nicht mehr zählen, es kann plötzlich ganz unbürgerlich zeitgenössisch werden und umgekehrt."

Geradezu trotzig die Replik von Gerhard Willert, dem Schauspielchef am Linzer Landestheater: "Da das Gute, Wahre und Schöne mindestens bis zu den Hüften, wenn nicht bis zum Hals, im Schlechten, Falschen und Hässlichen steckt, bleibt auch das Theater nicht sauber. Ob die Gesellschaft ein Theater (finanzieren) will, das durch Kloaken vielleicht zur Schönheit gelangt oder auch nicht, das ist Sache der Gesellschaft, nicht der Narren."

Willert bittet darum auch, mit Fragen nach Marthaler "verschont zu werden": "Wenn die Zürcher glauben, ihr System sei nicht mehr finanzierbar, sollen sie sich mit Jack Lang, dem früheren französischen Kultusminister treffen: Funktionierende Systeme gibt es."

Andere Häuser, wie das von der Österreicherin Elisabeth Schweeger geleitete Schauspiel Frankfurt, sind zwar nicht unmittelbar vom Zusperren bedroht, müssen aber mit Zähnen und Klauen um ihre gedeckelten Etats kämpfen. In dieser von Misstrauen erfüllten Atmosphäre bleibt kaum noch Zeit, ästhetische Neuerungen bei einem argwöhnischen Publikum durchzusetzen.

Baratta merkt daher mit Blick auf Zürich an: "Es ist, als hätte man Peymann nach drei Jahren in Wien oder Forsythe nach drei Jahren in Frankfurt oder Baumbauer nach drei Jahren in Hamburg entlassen."

Sein Fazit: "Das Experiment Marthaler ist in der Mitte abgebrochen worden, ohne dass man ihm eine Chance gegeben hätte, auf Vorwürfe und Einwände zu reagieren und eventuell sein Programm zu modifizieren."

Im Pfauen verkauft man, um das Ruder doch noch herumzureißen, derweil via Handkasse Abonnements für hochmögende Gönner. Ihr Titel: "Damit Marthaler bleibt." Das Mäzenatentum kehrt in verschleierter Form wird: Die Bühne als öffentlicher Ort wird reprivatisiert. (DER STANDARD, Printausgabe, 25.9.2002)

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    Der "Schiffbau", die um teures Geld flott gemachte Filiale des Zürcher Schauspielhauses, gleicht einem havarierten Industriedampfer: mit Endstation Marthaler- Rauswurf

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