Schulfrei für schöne Steine

25. September 2002, 08:27
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In Thailand, einem der globalen Zentren für die Bearbeitung von Edelsteinen, blüht das Geschäft mit illegaler Kinderarbeit

Bangkok/Chanthaburi - Bandit Pinijsukjai versteht die Aufregung nicht. Es sei doch Freitag. Also schulfrei. Und "werktätige Eltern können ihre Kinder nicht einfach unbeaufsichtigt zu Hause lassen, wenn sie arbeiten gehen." Es sei, erklärt der Herr, der sich gerne in einem farblich zum strahlend blauen Maßanzug passenden blauen Luxuswagen von Fabrik zu Fabrik fahren lässt, also eigentlich ein sozialer Akt seiner Unternehmen, Kinder in die Fabrik zu lassen. "Die arbeiten hier nicht."

Spezialisierte Fabriken

Weil Bandit Pinijsukjai, der Präsident des Verbands von rund 100 auf das Zuschleifen von blauen Saphiren und Rubinen spezialisierten Fabriken in der thailändischen Stadt Chanthaburi, das Interesse seiner Gäste aber eigentlich auf andere Dinge als das Alter seiner Schleifer gelenkt sehen wollte, griff einer seiner Mitarbeiter flugs zum Handy: Wenige Minuten später, als die kleine Gruppe österreischischer, slowenischer, russischer und französischer Journalisten die nächste Steinschleiferei betritt, ist von Kindern an den Arbeitsplätzen dann nichts zu sehen.

Gut: Auf vier verwaisten Tischen liegen Steine und Arbeitsgerät unter den Lampen - aber dass im dunklen Gang, der zu den Toiletten führt, vier Buben im Alter zwischen acht und zwölf im Dunkeln stehen, ist bestimmt Zufall. Und dafür, dass sich die Schulen rings um die 500.000-Einwohner-Stadt Chanthaburi nicht an das Freitags-schulfrei-Dekret halten, kann Bandit Pinijsukjai schließlich auch nichts.

Kinderarbeit in seinen Fabriken? Bandit Pinijsukjai schüttelt sich. Er würde seine Hand dafür ins Feuer legen, dass in den Betrieben der Region keine Kinder beschäftigt werden.

Die Edelsteinstadt

Chanthabury ist Thailands Edelsteinmekka. Und das, obwohl die Minen in der dreieinhalb Autostunden von Bangkok entfernten Stadt schon seit 50 Jahren stillgelegt sind. Heut wird importiert: Rubine aus Burma, Saphire aus Madagaskar und Ceylon. Rund 10.000 Menschen schleifen in den hundert Fabriken der Region, weitere 40.000 tun dies in ihren Wohnungen. Alle ohne Lupe. Darauf ist man stolz - auch wenn die Augen das höchstens zehn Jahre durchhalten.

Durchschnittlich 200 Euro verdient ein Schleifer pro Monat, erklärt der Präsident in Blau. 120 Millionen thailändische Baht (etwa drei Millionen Euro) setze jede Fabrik jährlich um: "Die Hälfte der Steine geht sofort in den Export, dreißig Prozent nach Europa."

Aber auch die andere Hälfte der Chanthaburi-Steine könne bei österreichischen Juwelieren landen, betont Pinijsukjai: In der langen Kette von Zwischenhändlern, Ver- und Bearbeitern ist Chanthaburi nur ein kleines Glied ganz am Anfang der Kette.

Eine Frage der Ehre

Um die Bekanntheit thailändischer Steine zu steigern, hat das Außenhandelsministerium vergangene Woche Journalisten aus aller Welt zur Bangkoker Juwelenmesse "Gems and Jewelry Fair" - einer der größten in Asien - eingeladen. Dass man die Presse da in seine Fabriken nach Chanthaburi gebracht habe, sei eine Ehre, meint Präsident Pinijsukjai: Die Regierung würde bestimmt keine Betriebe, die Kinder beschäftigen, herzeigen. Außerdem habe man ja auch einen Ruf zu verlieren: "Egal wo auf der Welt man blaue Saphire oder Rubine kauft - die Wahrscheinlichkeit, dass sie hier zugeschliffen worden sind, ist sehr hoch." (DER STANDARD Print-Ausgabe, 25.9.2002)

Von Thomas Rottenberg
  • Wie man sich täuschen kann: Dieses Kind arbeitet nicht, es hat schulfrei. Sagt der Chef der Edelsteinschleiferei.
    foto: der standard/rottenberg

    Wie man sich täuschen kann: Dieses Kind arbeitet nicht, es hat schulfrei. Sagt der Chef der Edelsteinschleiferei.

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