Unfrieden um den Bozner "Siegesplatz"

24. September 2002, 16:52
3 Postings

Südtirol: Rechte will faschistische Namen wieder einführen

Jahrelang war es ruhig in Südtirol. Der pragmatische Landeshauptmann Luis Durnwalder hatte mit den autonomiefreundlichen Mitte-linksRegierungen so viel erreicht wie nie zuvor. Die Provinz Bozen war weltweit zum Modell für die Lösung von Minderheitenkonflikten geworden. - Diese Zeiten scheinen nun aber endgültig vorbei zu sein.

Seit Amtsantritt der Berlusconi-Regierung ist das Klima kontinuierlich "unfreundlicher" geworden, sagt der Landeshauptmann. Jetzt droht der ethnische Friede wegen eines Namensstreits vollends zu zerbrechen: Die Bozner Stadtverwaltung - eine Koalition aus Mitte-links-Parteien und Südtiroler Volkspartei - hatte den bombastischen "Siegesplatz" mitten in Bozen, auf dem das von den Faschisten errichtete "Siegesdenkmal" steht, zum "Friedensplatz" umbenannt. Die große Mehrheit der Südtiroler empfand die alte Namensgebung als unangebracht, erinnert sie doch an den "Sieg Italiens über Österreich". Auch die Aufschrift auf dem in den 20er-Jahren errichteten Denkmal "Wir haben den Barbaren die Kultur gebracht" stößt schon seit Jahrzehnten auf Protest.

Für die italienischen Rechtsparteien aber ist der "Friedensplatz" ein Sakrileg, für Anfang Oktober wurde ein Referendum angesetzt, mit dem aus dem "Friedens-" wieder der "Siegesplatz" werden soll. Alleanza Nazionale hat zu Protesten aufgerufen, auch Vizepremier Gianfranco Fini wird auf einer Großkundgebung für die Wiedereinführung des alten Namens aus der Faschistenzeit werben.

Berlusconis Forza Italia sandte den Minister für die Öffentliche Verwaltung Franco Frattini nach Bozen. Forza Italia kämpft für den "Siegesplatz", nachdem eine Umfrage ergeben hatte, dass eine Mehrheit der italienischen Bevölkerung Bozens dem alten Namen nachhängt. "Wir erleben die kontinuierliche Verdeutschung Südtirols", sagt die Berlusconi-Vertraute Michela Biancofiore, dies müsse gestoppt werden.

Die katholische Kirche des Landes versuchte bis zuletzt zu vermitteln, das Land werde nach einer langen Zeit des Friedens wieder künstlich entzweit. Ohne Erfolg. Beide Seiten mobilisieren massiv für ein Referendum am 6. Oktober. Auch die "Friedensplatz"-Befürworter erhalten dabei Unterstützung aus Rom; der frühere Staatspräsident Francesco Cossiga etwa hat sich auf ihre Seite gestellt, er wird in Bozen gegen das "Zündeln" der Rechtsparteien auftreten. (DER STANDARD, Printausgabe, 25.9.2002)

Andreas Feichter aus Bozen
Share if you care.