Zugbegleiter von Eschede musste Notbremse nicht ziehen

24. September 2002, 17:33
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Prozess gegen drei Ingenieure wegen ICE-Katastrophe - Gutachten bescheinigt Schaffner Beachtung der Vorschriften

Der überlebende Zugbegleiter des ICE "Wilhelm Conrad Röntgen" trägt an der Bahn-Katastrophe bei Eschede mit 101 Toten keine Mitschuld. Ein Gutachten, das im Prozess um das ICE-Unglück am Dienstag bei dem Prozess in Celle verlesen wurde, widersprach dem Vorwurf, der Schaffner hätte das Unglück durch eine Notbremsung verhindern müssen. Der Zugbegleiter nahm demnach den Bruch eines Radreifens kurz vor der Katastrophe nur als leichte Erschütterung wahr und wäre deshalb nicht verpflichtet gewesen, sofort die Notbremse auslösen.

Kein Verstoß gegen die Dienstvorschriften

Dem Gutachten zufolge wurde der explosionsartige Schlag, den der Bruch des Radreifens am ersten Wagen des ICE auslöste, nicht bis zum dritten Wagen übertragen, in dem sich Zugbegleiter befand. Auch ein Reisender, neben dem der gebrochene Radreifen den Abteilboden durchschlug und der zum Schaffner eilte, habe lediglich allgemeine Angaben über einen schlimmen Schaden am Wagenboden gemacht. Der Zugbegleiter sei nach der Schilderung des Reisenden nicht zur Einleitung einer Notbremsung verpflichtet gewesen, stellte Professor Klaus Pierick aus Braunschweig in seinem Gutachten fest.

Der Schaffner habe zwischen der Gefahr durch den beschädigten Wagenboden und den Gefahren für die Reisenden durch eine unnötige Notbremsung abwägen müssen. Mit der Entscheidung, sich unverzüglich an die Schadensstelle zu begeben und sich selbst von der Größe des Schadens zu überzeugen, habe er nicht gegen Dienstvorschriften verstoßen.

Ingenieure wegen Vorwurf der fahrlässigen Tötung vor Gericht

Die eigentliche Katastrophe, der Aufprall des hinteren ICE-Teils auf die Brücke vor Eschede, ereignete sich, als der Schaffner gerade auf dem Weg in den ersten ICE-Wagen war. Die Ermittlungen gegen den Schaffner wegen fahrlässiger Tötung stellte die Staatsanwaltschaft Lüneburg schon im Vorfeld des Eschede-Prozesse ein.

Vor der Strafkammer des Landgerichts in Celle müssen sich seit vier Wochen drei Ingenieure wegen fahrlässiger Tötung in 101 Fällen und fahrlässiger Körperverletzung in 105 Fällen verantworten. Die Mitarbeiter der Bahn und des Radhersteller sollen laut Anklage gummigefederte ICE-Räder ohne ausreichende Tests auf Bruchfestigkeit und ohne ausreichende Kontrollen auf Risse eingeführt haben. (APA/AP)

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