Duell Kostunica gegen Labus soll Machtkampf in Serbien entscheiden

27. September 2002, 17:22
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Bei zweitem Wahlgang wäre Jugoslawiens Präsident klarer Favorit

Belgrad - Am Sonntag wird in Serbien ein neuer Präsident gewählt. Prognosen zufolge zeichnet sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen dem jugoslawischen Präsidenten Vojislav Kostunica und Vizepremier Miroljub Labus ab. Das Duell soll auch den Machtkampf zwischen Kostunica und dem serbischen Ministerpräsidenten Zoran Djindjic entscheiden. Während Kostunica als gemäßigter Nationalist gilt, zählt Labus zum "reformorientierten" Djindjic-Lager .

Laut Umfragen müsste Labus aber gleich im ersten Durchgang gewinnen, um sein Ziel zu erreichen. Bei einer Stichwahl dürften die nationalistisch gesinnten Wähler ihre Stimmen Kostunica geben oder den Urnen fernbleiben. Die Kandidaten des nationalistischen Lagers, allen voran Vojislav Seselj von der Radikalen Partei dürften bereits im ersten Wahlgang scheitern.

Elf Kandidaten

Insgesamt treten elf Kandidaten führender politischer Parteien und Bürgergruppen an. Vor zwei Jahren waren Kostunica und Labus Spitzenpolitiker der Siegerkoalition DOS (Demokratische Opposition Serbiens), die inzwischen in Trümmern liegt. Beide sind Vertreter des demokratischen Lagers. Während Kostunica aber als Legalist ein langsameres Reformtempo befürwortet, setzt sich Labus ähnlich wie der serbische Ministerpräsident Zoran Djindjic für eine raschere Zäsur von der Ära der Kommunisten und der darauf folgenden von Milosevic ein.

Kostunica wurde von der Demokratischen Partei Serbiens (DSS) nominiert. Labus stammt aus der Demokratischen Partei (DS) von Zoran Djindjic und ist Kandidat der Belgrader Expertengruppe "G-17plus", die vor zwei Jahren wesentlich zum DOS-Wahlsieg beigetragen hatte. Inzwischen hat Labus auch die Unterstützung von elf der einstmals siebzehn DOS-Parteien bekommen. Drei Regierungsparteien haben ihm allerdings eine Woche vor dem Wahltermin die Unterstützung entzogen. Sie liefen zu Kostunica über.

Dem noch unter dem früheren jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic erlassenen Wahlgesetz zufolge müssen sich am Urnengang mindestens 50 Prozent der Wahlberechtigten beteiligen, damit er rechtskräftig wird. Der Sieger braucht 50 Prozent plus eine Stimme. Laut Umfragen wird eine Stichwahl am 13. Oktober kaum zu vermeiden sein. Sowohl Kostunica als auch Labus können kaum damit rechnen, die für den Sieg notwendigen 1,638.851 Stimmen (25 Prozent der Wahlberechtigten plus eine Stimme) beim ersten Durchgang zu bekommen. Das Zünglein an der Waage könnte der Ultranationalist Seselj spielen.

Seselj liegt laut Umfragen zwar weit hinter Kostunica und Labus, aber dennoch solide am dritten Platz. Unter den "Unentschlossenen", deren Anteil bei etwa 18 Prozent liegt, dürften sich aber viele Anhänger seiner Radikalen Partei befinden. Die acht restlichen Kandidaten haben keine großen Perspektiven. Ihre Teilnahme dürfte aber Kostunica und Labus schaden.

Rund 6.555.000 Serben sind wahlberechtigt. Diese Zahl erfasst auch etwa 102.000 Einwohner der serbischen Enklaven im Kosovo. Die Kosovo-Albaner wurden wie vor zwei Jahren nicht als Wähler registriert, wenngleich Belgrad die Provinz weiterhin als Bestandteil Serbiens betrachtet. Die 8.600 Wahllokale haben von 7.00 Uhr bis 20.00 Uhr geöffnet. Den Kosovo-Serben stehen 288 Wahllokale zur Verfügung. Mehrere hundert Beobachter heimischer Menschenrechtsorganisationen, politischer Parteien und der OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) werden im Einsatz sein. Erste inoffizielle Ergebnisse will das Belgrader Zentrum für Freie Wahlen und Demokratie (CESID) zwei Stunden nach Wahlschluss präsentieren. Offizielle Resultate werden am Montag vorliegen.

In den vergangenen fünf Jahren war das Präsidentenamt vom einstigen sozialistischen Spitzenpolitiker Milan Milutinovic bekleidet worden. Der 60-jährige Jurist, ein enger Mitarbeiter des früheren jugoslawischen Staatschefs und ein Freund der Familie Milosevic, war seit der Wende in Belgrad im Oktober 2000 bemüht, sich in der Öffentlichkeit rar zu machen. Milutinovic ist wie Milosevic vom UNO-Tribunal wegen Kriegsverbrechen angeklagt. Er soll spätestens am Jahresende, wenn seine Amtszeit abläuft, an das UNO-Tribunal überstellt werden. (APA)

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    Vojislav Kostunica und Miroljub Labus treten gegeneinander an

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