Klestil setzt sich für Südtirol-Attentäter ein

23. September 2002, 19:52
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Begnadigung der deutschnationalen Publizisten Kienesberger und Hartung umstritten

Wien/Innsbruck/Bozen - Unter anderem mit der Absicht, einen politischen Schlussstrich unter die bis heute nachwirkenden "bleiernen" 60er-Jahre in Südtirol zu erwirken, reist Bundespräsident Thomas Klestil heute, Dienstag, nach Rom. Es ist übrigens der erste Staatsbesuch beim südlichen Nachbarn seit 30 Jahren, seit der Italien-Visite von Franz Jonas 1971.

Klestil will bei seinem italienischen Amtskollegen Carlo Azeglio Ciampi ein gewichtiges Wort für eine Begnadigung jener ehemaligen Südtirol-Attentäter einlegen, die in Italien zu teils lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt worden sind und sich durch Flucht nach Österreich oder Deutschland der Haft entziehen konnten.

Wie heikel die Angelegenheit nach wie vor ist, hatte sich Ende Mai beim Dreier-Landtag von Tirol, Südtirol und Trentino gezeigt: Weil die patriotische Union für Südtirol für eine Begnadigung aller Attentäter, auch der wegen Mordes verurteilten deutschnationalen Publizisten Peter Kienesberger und Erhard Hartung plädierte, ist die Sitzung, wie berichtet, geplatzt.

Ob sich Klestil auch für Kienesberger und Hartung einsetzen wird, ist offen. In der Präsidentschaftskanzlei will man sich zu einzelnen Namen nicht äußern. Im Wiener Außenamt heißt es, man bemühe sich um eine "umfassende Lösung".

Aus Südtirol kommen dazu allerdings kritische Töne, nicht nur von italienischer Seite. Landeshauptmann Luis Durnwalder sagte dem STANDARD: "Für Kienesberger und Hartung, die nach wie vor versuchen, von außen Spannungen zu schüren, werde ich mich nicht einsetzten. Sie haben noch Attentate in den 70er- und 80er-Jahren, als auch italienische Wohnsiedlungen in Südtirol betroffen waren, gutgeheißen."

Wolfgang Neugebauer, der Leiter des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstands, weist auf Anfrage darauf hin, dass der bayerische Verfassungsschutzbericht 2001 zu dem bei Nürnberg lebenden Kienesberger festhält, er verbreite "rechtsextremistisches Gedankengut". Anfang September, so Neugebauer, habe er der Präsidentschaftskanzlei die dem DÖW vorliegenden Unterlagen zu den beiden Exattentätern zukommen lassen. (Benedikt Sauer/DER STANDARD, Printausgabe, 24.9.2002)

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