Die Inponderabilie als Zeitbombe

24. September 2002, 19:56
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24.9.2002 - Auf ein drängendes Problem hat nun, wo einiges in Scherben fällt, weil einer nicht weiter marschieren will, die Person hingewiesen, die in "tv-media" unter dem Lebenskünstlernamen "Dr. Helmut Zilk" ...

... mediale Lebenshilfe verabreicht. Bitte keine Polit-Inflation im TV! flehte sie gute acht Wochen vor der Wahl - eine Bitte, der man spontan Erfüllung wünscht bei dem Gedanken, dass im blau-schwarz reformierten ORF die Mücks und Oberhausers unfröhliche Urständ feiern werden.

Wenn Helmut Zilk über Chancen und Risken umfangreicher Wahlberichterstattung im TV schwadroniert, will er allerdings nicht derlei Untiefen des Geschmacks ausloten, sondern auf der Höhe Fellnerscher Medienpädagogik zwischen der traurigen Pflicht des ORF zur Berichterstattung und der frivolen Neigung des Publikums zu anlassbedingter Erholung von Traumschiffsreisen und ähnlichen Primetimeknüllern einen Pfad des Zumutbaren schlagen und gleichzeitig volksbildnerisch wirken.

Oder würden Sie ohne seine Anregung auf den Gedanken kommen, dass die Berichterstattung im Vorfeld und am Wahlabend wichtiger, den Fernsehalltag bereichernder Programminhalt sein kann? Das aber nicht nur zwecks privater Aufgeilung des teils schwarz, teils rot sehenden Publikums, nein - darüber waltet auch noch ein abgründiger staatsbürgerlicher Sinn, ist doch zweitens diese Berichterstattung die Erfüllung eines zutiefst demokratischen Auftrags. Wahlen in freien Ländern und die dazugehörige breite und kritische Berichterstattung in Print- und elektronischen Medien gehören untrennbar zusammen.

Nur in unfreien Ländern ist das anders, da stellt die Berichterstattung im Vorfeld und am Wahlabend keinen wichtigen, den Fernsehalltag bereichernden Programminhalt dar. Auch dort gilt freilich: Allerdings sind im Rahmen dieser Berichterstattung einige Spielregeln einzuhalten. Otto Normalverbraucher hat nämlich auch in intensivsten Wahlzeiten das Recht auf Kultur und Unterhaltung. Es ist wichtig, dass die Programmmacher ihr Publikum nicht in einer Flut von Polit-Berichterstattung untergehen lassen - denn manchmal ist weniger eindeutig mehr.

Gerade dann, wenn die Polit-Berichterstattung weit unterhaltsamer ausfallen könnte als jede von den Programmmachern verordnete Unterhaltung, des Publikums Recht auf Kultur und Unterhaltung zu betonen, das demselben sonst tendenziell verweigert wird, verrät einiges über die politische Kultur dieses Landes und sollte den Ombudsmann der "Krone" auf den Plan rufen. Und das umso rascher, als Helmut Zilk in "tv-media" die Gefahr richtig erkennt: Wahlkampfberichterstattung sollte nicht zum Jahrmarkt der Eitelkeiten politischer Journalisten werden. Die werden in den Augen von Otto Normalverbraucher sonst womöglich selber zum Gegenstand der Unterhaltung.

Wie gut der ORF in politischer Unterhaltung sein kann, hat er in letzter Zeit bewiesen, indem er Andreas Mölzer wiederholt als politischen Analytiker in Sachen FPÖ einsetzte. Auf dem Gebiet kennt sich Haiders allzeit getreuer Eckhart aus wie kein Zweiter. Noch im August dichtete er in "Zur Zeit" unter dem Titel Hoffnung Haider hochfliegend: Nicht zuletzt wird es an den österreichischen Freiheitlichen unter dem Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider liegen, als einer der wesentlichen Leitfiguren dieser neuen politischen Kräfte europaweit Impulse zu setzen . . . Aus gewöhnlich gut informierten Kreisen vernimmt man, daß Jörg Haider sehr wohl gewillt ist, Kooperationen mit entsprechenden Kräften einzugehen.

Wie konnte aus dieser Hoffnung Haider nur der jetzige Desperado werden, ohne dass der gewöhnlich gut informierte, daher im ORF akkreditierte FPÖ-Spezialist etwas ahnte? Nun muss er feststellen: Man demütigte Haider also und ließ ihn wissen, er möge endlich Ruhe geben. Als er dann hin und her gerissen demonstrierte, daß er die Basis nach wie vor hinter sich hätte . . . gingen den Herrschaften die Nerven durch. Man hat seine Ämter hingeschmissen, was kompress bedeuten soll, die Herrschaften hätten ihre Ämter hingeschmissen, was Haider bewog, alle Hoffnung fahren zu lassen und seine Ämter hinzuschmeißen.

Eben sollen die Freiheitlichen noch unter der Hoffnung Haider europaweit Impulse setzen, stattdessen demütigen sie ihn, sagen ihm, statt Impulse europaweit möge er zu Hause endlich Ruhe geben, was dazu führt, dass er hin und her gerissen die Basis an sich reißt, weshalb die Herrschaften seine Ämter hinschmeißen. Da weiß man, warum die FPÖ keine normale Partei, sondern eine Bewegung ist. Aber nicht, wie lange sie das noch ist.

Denn Mölzer äußert im Zusammenhang mit dem Abfangjägerkauf den Haider betreffenden Verdacht, die Tatsache, daß er im Grunde Korruptionsvorwürfe im Bereich der Regierung in den Raum gestellt hat, stellen (sic) jedenfalls Inponderabilien (sic) dar, die zur politischen Zeitbombe auswachsen könnten. Wenn die ausgewachsene Inponderabilie explodiert, sollte Mölzer im ORF darüber berichten. Damit die Unterhaltung nicht zu kurz kommt. (DER STANDARD; Printausgabe, 24.9.2002)

Von Günter Traxler
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