Schielen zum Nachbarn

24. September 2002, 14:53
2 Postings

Die Auswirkungen des rot-grünen Wahlsiegs auf Österreich

Wie sich alle freuen: die SPÖ, weil das rot-grüne "Erfolgsprojekt" fortgesetzt werden kann; die ÖVP, weil Edmund Stoiber zur SPD aufschließen konnte; und die Grünen sowieso, weil die deutsche Schwesterpartei an die dritte Stelle vorgerückt ist. Nur bei der FPÖ will sich niemand freuen, da ist es am Montag ziemlich still geblieben - der Wahlausgang in Deutschland hat wohl keinerlei positiven Effekt auf den Fortgang der Freiheitlichen in Österreich.

SPÖ und Grüne erwarten sich aber "Rückenwind". Zu Recht. Den Oppositionsparteien kommt es jedenfalls gelegen, dass Rot-Grün in Deutschland weiterlebt. Ein Scheitern hätte auch dem Lieblingsprojekt von Alfred Gusenbauer in Österreich ein fatales Zeichen vorangesetzt. So aber kommt der rot-grünen Koalition der experimentelle Charakter abhanden. Das wird vor allem den Grünen Auftrieb geben: Die deutsche Schwesterpartei hat vorgeführt, dass man Verantwortung tragen kann - und dass dies vom Wähler auch gewürdigt wird.

Da tut sich die Volkspartei nicht ganz so leicht: Die ungeliebte Koalition, die in Österreich als Teufel an die Wand gemalt wird, bleibt beim großen Nachbarn bestehen. Und Stoiber hat seinen roten Kontrahenten nicht eingeholt. Aber eben fast. Das hätte zu Beginn des Wahlkampfes kaum jemand für möglich gehalten. Soll heißen: Es ist möglich. Auch für Bundeskanzler Wolfgang Schüssel und seine ÖVP.

Die FPÖ könnte aus dem deutschen Wahlkampf die Lehre ziehen, dass das Spiel mit dem Antisemitismus nicht ankommt. Aber für diese Erfahrung hätte man Jürgen Möllemann nicht gebraucht - die hat man beim letzten Wahlgang in Wien dank Jörg Haiders Attacken auf Ariel Muzicant ("Dreck am Stecken") schon selbst gemacht. (DER STANDARD, Printausgabe, 24.9.2002)

Michael Völker
  • Artikelbild
    montage: derstandard.at
Share if you care.