Ablautreihen am Wirtshaustisch

23. September 2002, 20:16
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"Albtraummännlein": Lucy McEvil und mit dem aktionstheater ensemble bei dietheater Künstlerhaus

Martin Gruber ist einer der besten Zeichenmaler der österreichischen Off-Szene. Sein inszenatorisches Denken entspringt einer semiotischen Wundertüte, die der Trägheit des Theaters eine aufregende Leichtigkeit zurückerstattet.

Seit 1989 lenkt der 35-jährige Vorarlberger Regisseur die Geschicke des aktionstheater ensembles. Einen Schritt weiter im Erproben einer Theatersprache, die nicht abgöttisch Trends imitiert, sondern sich eigenständig im Wirrwarr der insgesamt maroden Freien Szene behauptet, geht das Team jetzt mit dem "Albtraummännlein": Eine Wirtshausgeschichte, erzählt und dekodiert als "sprachunabhängiges" Vokalstück.

Das Albtraummännlein alias Lucy McEvil (bekannt als Mitglied der Kabarettgruppe "Villa Valium") sitzt als abgehalfterte Braut inmitten ihres Schleierrondells am Wirtshausstuhl und äääht ästhetisch. In ihrem Beisein werden zwei Stammgäste (Erik Jan Rippmann und Christian Reiner) das Innerste tönend nach Außen kehren, während eine Kellnerin (Marian Kansy) ihr Gesäß genauso taktvoll spazieren führt wie das Tablett mit Bieren.

Den sprachlich-rhythmischen "Deformationen" - extrahiert aus einem Musikstück Gerold Amanns - entsprechen die körperlichen: An den Fellmatten am Hemd illustriert sich das Affendasein der Wirtshausbrüder, die den Weg zum Pissoir in der Gangart tumber Orang-Utans vorführen und dort ihr Geschäft unheilvoll verrichten (das Pissoir ist bloß projiziert!).

Die schönen "Ablautreihen" vervollkommnen die bloßfüßigen Sänger und Sängerinnen des Dornbirner Spielbodenchors: anschwellendes Geschnatter oder Kuckucksrufe in der Dämmerung. Genial. (afze)

Von Mararete Affenzeller

dietheater Künstlerhaus,
1., Karlsplatz 5,
(01) 597 05 04.
  • Artikelbild
    foto: aktionstheater ensemble
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